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Weihnachtliche Menschen

Es sind geheimnisvolle Worte, die uns die Liturgie der Kirche jedes Jahr am Weihnachtstag vorlegt. Und wir ahnen mehr ihren Sinn, als dass wir ihn zu begreifen in der Lage wären: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtete in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst ...“ (Joh 1,1–5). Wie sollten wir auch begreifen, was Sinn und Verstand des Menschen übersteigt.

Und so bleibt uns nicht mehr, als uns vorsichtig heranzutasten an das, was an Weihnachten geschieht, wohl wissend, dass es uns angeht, dass es uns und unsere Welt verändert hat und verändert bis auf den heutigen Tag. Die Welt wurde und wird dabei nicht aus den Angeln gehoben, wie es so viele zur Zeit Jesu – im Hinblick auf den erwarteten Messias – erhofften. Die Welt bleibt Welt mit all dem, was sie an Gutem und Schlechtem ausmacht. Aber unser Blick auf die Welt und die Menschen wurde seit diesem denkwürdigen Ereignis in der Nacht von Bethlehem um die entscheidende Perspektive erweitert. Unser Verständnis der Welt hat sich verändert, seitdem wir wissen, dass Gott mit uns ist. Er ist mit uns nicht nur als eine theoretische Größe, sondern in Fleisch und Blut. Nicht als ein schöner Gedanke, sondern als Mensch in unserer Mitte. Wenn dem aber so ist, verändert Weihnachten alles.

Was ist Weihnachten?

Jedes Jahr zu Weihnachten werden in den Zeitungen die Ergebnisse von Passantenbefragungen abgedruckt, die diese mit der Frage konfrontieren: „Was ist Weihnachten?“ Die Antworten, die in deutschen Fußgängerzonen gegeben werden, sind erschreckend. Viele antworten einfach mit „Ich weiß es nicht!“, andere mutmaßen, dass „an Weihnachten der Weihnachtsmann gestorben sei“.

Eine Antwort, die mich persönlich zum Schmunzeln brachte, gab ein Schüler vor einigen Jahren im Radio zum Besten. Er antwortete auf die Frage „Was ist Weihnachten?“ mit der lapidaren Feststellung: „Weihnachten ist, wenn die Oma kommt.“ In vielen Familien – meiner eingeschlossen – erweist sich diese Aussage zweifelsohne als wahr: „Weihnachten ist, wenn die Oma kommt.“ Auch wenn wir uns mit einer solchen Aussage als Christinnen und Christen nicht zufrieden geben können.

Weihnachten verändert alles! Das ist keineswegs eine geschenkte Erkenntnis, angesichts des alljährlich sich in gleicher Weise wiederholenden Weihnachtsritus‘. Weihnachten verändert alles! Es ist diese Erkenntnis, die der Evangelist Johannes zum Ausdruck bringt, wenn er sagt: „Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden.“ (Joh 1,12). Gott wird ein Menschenkind, damit wir Kinder Gottes werden können! Das ist mehr als ein schöner Satz! Das ist – im wahrsten Sinne des Wortes – eine Lebensaufgabe, will heißen eine Aufgabe, die uns zeitlebens beschäftigen wird, mit der wir nie zu Ende kommen können, die aber zugleich über Wohl und Wehe unserer Existenz entscheidet.

 

 

© flickr / Kerem Tapani
© flickr / Kerem Tapani

Anders formuliert: Wir sollen zu weihnachtlichen Menschen werden! Menschen, die in und aus dem Geheimnis der Menschwerdung Gottes leben! Menschen, die nicht zuletzt mit den ungeklärten Fragen leben und die Spannung aushalten angesichts des Geheimnisses von der Menschwerdung Gottes.

In unserer Zeit, in der wir stets bemüht sind, den Dingen auf den Grund zu gehen und auch noch die letzten ungelösten Fragen der Menschheit wissenschaftlich zu ergründen, erscheint eine solche Forderung nicht wenigen als höchst unangenehm. Wer will schon mit unerledigten Projekten leben? Und so tun nicht wenige das Projekt der Menschwerdung Gottes als unsinnig ab. Welche Chance aber haben wir als Christinnen und Christen angesichts der Forderung, weihnachtliche Menschen zu werden? Es wird primär darum gehen, sich immer mehr für das Geheimnis der Menschwerdung Gottes zu öffnen. Und dieses Geheimnis erschöpft sich nicht in einer romantisch anmutenden Krippenszene. Tatsächlich bieten Geburt, Leben und Sterben Jesu Christi nicht gerade den Stoff, aus dem sich in Hollywood ein sogenanntes „feel-good-movie“ drehen lässt. Geburt und Sterben des Herrn offenbaren unsagbar harte Seiten. Jesus der Menschensohn kommt im wahrsten Sinne des Wortes zur Welt: „Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt.“ (Joh 1,9). Gott teilt das Schicksal so vieler Menschen, die tagtäglich um ihr Leben kämpfen, auf der Flucht vor Hunger, Armut, Gewalt und Krieg. Er ist ganz bei den Menschen, denen das Schicksal übel mitgespielt hat.

Wo ist Gott?

Der niederländische Theologe Henri Nouwen (1932–1996) hinterließ in seinem Tagebuch folgenden Satz, der mich in dieser Adventszeit besonders begleitet: „Wo ist Gott? Er ist dort, wo die Armen sind, die Behinderten, die Kleinen, die Alten, die Machtlosen, die Übersehenen. Ich bin mehr und mehr davon überzeugt, das unsere Glaubwürdigkeit von unserer Bereitschaft abhängt, dorthin zu gehen, wo Gebrochenheit, Verlassenheit und Armut sind. Wenn die Kirche eine Zukunft hat, dann ist es eine Zukunft bei den Armen, in welcher Form auch immer.“

Wenn wir uns anschicken, weihnachtliche Menschen zu werden, dann gilt es, sich auf den Weg nach Betlehem an die Krippe zu machen – ein Sinnbild für alle Menschen, die unserer Fürsprache und Zuwendung bedürfen. Und es ist wichtig zu verstehen, was Zuwendung im Hinblick auf Weihnachten ist: Es bedeutet ein gelebtes und zutiefst menschliches „Ich bin bei dir!“

Die Menschwerdung Gottes in unserer Mitte ruft uns dazu auf, dass auch wir uns in wahrer Menschlichkeit einander zuwenden als weihnachtliche Menschen. Dann werden wir Kinder Gottes. Machen wir uns auf den Weg nach Bethlehem, um weihnachtliche Menschen zu werden; ein Weg der für Henri Nouwen darin besteht, „dem kleinen, verwundbaren Kind, das in unserem Herzen und im Herzen aller Menschen wohnt, nahe zu bleiben. Oft wissen wir nicht, dass das Christkind in uns ist. Entdecken wir es, um zu wahrer Freude zu finden!“ Dann aber verändert Weihnachten alles.

Militärpfarrer Pater Patrick Beszynski OPraem,
Katholisches Militärpfarramt Bogen