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Verfolgung und Gewalt gegen Christen

© flickr / marfis75
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Gewalttaten sind nicht automatisch immer eine „Christenverfolgung“; zudem werden auch andere Religionen und Minderheiten Opfer von Gewalt. Dennoch ist es traurige, oft verdrängte Realität, dass weltweit die Christen auch in unserer aufgeklärten Zeit zu den am meisten bedrohten und bekämpften Gruppen gehören. Scheinbar kein besonders weihnachtliches Thema? Jesus Christus selbst wurde nach dem Weihnachts-Evangelium aus politischen Gründen verfolgt und zum Flüchtling.

Im Dezember 2014 stellt Professor Stobbe im Grundsatz fest, dass dies kein neues Phänomen ist. Organisationen wie das Zentralkomitee der deutschen Katholiken, das päpstliche Hilfswerk „Kirche in Not“ und der Stephanuskreis äußern sich aktuell zur Gewalt gegen Christen. Und auch die Serie „Kompass Glauben“ beschäftigt sich unter dem Aspekt der Rache damit.

Grundsatz: Gewalt gegen Christen – Neues Phänomen in der Welt? von Heinz-Günther Stobbe

Der Beginn der Gewalt

Am Ende des 7. Kapitels seiner „Apostelgeschichte“, kurz nach dem Pfingstereignis, berichtet der Evangelist Lukas von der Steinigung des Stephanus und beginnt das 8. Kapitel mit den Worten: „An jenem Tag brach eine schwere Verfolgung über die Kirche in Jerusalem herein.“ (Apg 8,1b) Gewalt gegen Christen stellt also mitnichten ein neues Phänomen in der Welt dar, sie begleitet christliches Leben von Anfang an und schon zu einer Zeit, als die Christen noch gar nicht „Christen“ hießen (vgl. Apg 11,26), sondern sich selbst noch als Teil des Judentums verstanden. In diesem Sinne war Stephanus das Opfer eines innerjüdischen Konflikts, doch setzt im dritten Jahrhundert seine Verehrung als christlicher Märtyrer ein. Eusebius von Caesarea schreibt in seiner „Kirchengeschichte“, beendet um 325 n. Chr., er „war nach dem Herrn der erste, der getötet wurde“ und „erwarb sich also als erster den von seinem Namen angedeuteten Kranz der Märtyrer Christi, welche des Sieges würdig sind.“ Am 26. Dezember 415 wurden die Gebeine des Stephanus nach Jerusalem überführt und dieser Tag blieb von da an bis in die Gegenwart sein kirchlicher Gedenktag, der als Stephanus-Tag von der Deutschen Bischofskonferenz dem Gebet für die verfolgte Kirche gewidmet wurde.

Es wäre allerdings verfehlt, die Kirchengeschichte als Geschichte der Christenverfolgung zu beschreiben. Das trifft nicht einmal für die Periode vor der so genannten Konstantinischen Wende zu, als das Christentum im Römischen Reich noch keine erlaubte Religion („religio licita“) war. Nicht jede Schikane oder jede Benachteiligung, nicht einmal vereinzelte Pogrome oder Massaker rechtfertigen es, von Christenverfolgung zu sprechen, natürlich aber von Gewalt gegen Christen. Den Grundcharakter lokaler Gewaltakte, wie sie sich damals und im weiteren Verlauf der Kirchengeschichte häufig ereigneten, schildert Lukas treffend am Beispiel einer lebensgefährlichen Situation, in die Paulus mit seinen Begleitern in Ephesus gerät: Ein Silberschmied, der kleine Artemis-Tempel herstellte, stachelt Kollegen und Arbeiter gegen sie auf, weil die Predigt des Paulus die „Hoheit“ der allseits verehrten Göttin Artemis und das Geschäft mit Devotionalien untergrabe. „Als sie das hörten, wurden sie wütend und schrien: Groß ist die Artemis von Ephesus! Die ganze Stadt geriet in Aufruhr; alles stürmte ins Theater und sie schleppten die Mazedonier Gaius und Aristarch, Reisegefährten des Paulus, mit sich.“ (Apg 19,26–29) Es handelt sich erkennbar um eine spontane Aktion, in der sich ökonomische und religiöse Motive vermischen, die sich aber nicht in erster Linie am Wahrheitsanspruch des christlichen Glaubens entzündet, sondern an dessen praktischen Konsequenzen für die Frömmigkeit und ihrer wirtschaftlichen Dimension. Das ist die Regel, der Gewalt gegen Christen (und interreligiöse Gewalt überhaupt) zumeist folgt: Nicht die Anstößigkeit der Lehre bzw. der religiösen Überzeugungen löst sie aus, vielmehr schafft der Glaube als Lebensform die Reibungsfläche für soziale Konflikte, indem er Unterschiede hervorruft, die unter bestimmten Umständen den Zündstoff für Gewalt liefern. In diesem Sinne existiert offenbar bereits im frühen 2. Jahrhundert eine weit verbreitete christenfeindliche Stimmung unter Juden, Griechen und Römern, die immer wieder Gewalt erzeugt, aber zu keiner systematischen und reichsweiten Verfolgung von Christen führt.

Staatsgewalt gegen Christen

In Ephesus verläuft die Angelegenheit glimpflich, weil der Stadtschreiber die tobende Menge beschwichtigt und zur Lösung des Konflikts auf den Rechtsweg verweist (vgl. Apg 19,35–40). Schon vorher hatte es der römische Prokonsul der Provinz Achaia abgelehnt, eine Klage jüdischer Kreise gegen Paulus anzunehmen, da er es nicht als seine Aufgabe ansieht, innerjüdische, religiös begründete Streitsachen zu regeln (vgl. Apg 18,12–17). Noch in der Amtszeit des kaiserlichen Legaten Plinius in der Provinz Pontus-Bithynien (109 bis 113) basiert das Vorgehen gegen Christen lediglich auf einer Art Gewohnheitsrecht, und ohne Anzeige sollen die Behörden – so Kaiser Trajan – gar nicht aktiv werden. Erst Mitte des 3. Jahrhunderts setzt eine Folge systematischer Christenverfolgungen ein, für die das Opfer-Edikt des Kaisers Decius die erste formelle Rechtsgrundlage bietet, die zwar reichsweit gültig ist, doch in den verschiedenen Provinzen unterschiedlich konsequent durchgesetzt wird. Wiederum richtet sich das Dekret nicht gegen den Glauben, es betrifft alle Bürger des Reiches und speziell die Christen nur deshalb, weil sie, anders als ihre Mitbürger, die vorgeschriebenen Opfer verweigern. Aus christlicher Sicht geht es um eine religiöse, aus der des römischen Staates um eine religiös-politische Entscheidung, und für beide Seiten um eine von grundsätzlicher Bedeutung. Die Gewalt gegen Christen wird nun ausgeübt durch die Staatsgewalt, und das verändert die Lage der Christen einschneidend. Denn nur der Staat verfügt über die Machtbefugnisse und -mittel, um sie flächendeckend und dauerhaft zu organisieren. Das stellt eine zweite Basisregel in Bezug auf christenfeindliche Gewalt dar: Diejenigen Gewaltformen, die in der Bevölkerung verankert sind, verdanken sich überwiegend sozialen, wirtschaftlichen, nicht selten sogar privaten Gründen, und sie sind meist zeitlich und geographisch begrenzt. Sie können sich ausweiten oder andauern, wenn der Staat die Gewalt duldet oder fördert oder nicht in der Lage ist, sie einzudämmen oder zu verhindern. Die Gewalt verwandelt sich markant, sobald der Staat selbst durch seine Organe zum Täter wird, entweder auf gesetzlicher Basis oder im Widerspruch zu den eigenen Gesetzen.

Durch die Geschichte des Christentums zieht sich bis in die Gegenwart hinein eine breite Spur der Gewalt. Christen wurden und werden schikaniert, diskriminiert, malträtiert und massakriert. Vergleichsweise selten jedoch gibt der christliche Glaube als solcher Anlass zu christenfeindlichen Aktionen oder Maßnahmen. In dieser Hinsicht bilden der nationalsozialistische und der kommunistische Kampf gegen die Kirchen eine historische Ausnahme. Zwar bemühten sich Nazis und Kommunisten bis zu einem gewissen Grad um einen Schein von Legalität, doch in letzter Instanz zielte ihre Politik darauf ab, die christliche Religion zu vernichten. Die enorme Zahl von Geistlichen und Gläubigen, die ihr zum Opfer fielen, legt davon ein klares Zeugnis ab. Anders jedoch als im Falle des Judentums, schloss die Nazi-Politik die physische Vernichtung der Christen nicht unbedingt ein, auch wenn man vor ihr nicht zurückschreckte. Denn es fehlte der Kirchenfeindlichkeit die rassistische bzw. rassebiologische Komponente des Antisemitismus, die auch dem Antisemitismus in der Sowjetunion abging.

In den meisten Fällen jedoch zahlen die christlichen Opfer den Blutpreis für freiwillige oder unfreiwillige Verstrickungen in machtpolitische Auseinandersetzungen innerhalb von oder zwischen Staaten. Das lässt sich gut im Bereich der Mission beobachten. Die jesuitischen Missionare in Japan setzten hauptsächlich auf die Bekehrung der Fürsten, um über sie den Zugang zur Landbevölkerung zu öffnen, und sie gerieten deshalb fast unvermeidbar in die mörderischen Turbulenzen der adeligen Fehden. Die franziskanischen Missionare in Korea wandten sich demgegenüber zuerst an die arme Landbevölkerung und wurden in den Strudel bäuerlicher Revolten und ihrer Niederschlagung hineingerissen. Und in China rächt sich an den Christen das brutale Verhalten der christlichen Kolonialmächte Europas. Dort selbst mündet etwa die Französische Revolution in massenhafte Gräueltaten gegen Priester und Gläubige wegen der unheiligen Allianz zwischen Thron und Altar. In der Frühgeschichte des modernen Mexiko wiederum verbindet sich die antikoloniale mit der antifeudalen Revolution zu einer radikal antikirchlichen Politik, weil die Kirche für beides steht, den Kolonialismus und den Feudalismus. Doch kam die Gewalt in Lateinamerika nicht nur von links, sondern auch und mehr noch von rechts und sie traf bevorzugt Christen, die in den Militärdiktaturen auf dem Kontinent Widerstand leisteten und todesmutig für Gerechtigkeit und die Menschenrechte eintraten. Einmal mehr provozierte die Glaubenspraxis – mehr als der Glaube selbst – eine Unterscheidung, die freilich die ermordeten Glaubenszeugen als künstlich empfinden würden.

Im auslaufenden 20. Jahrhundert konnte man meinen, das Martyrium als Glaubenszeugnis gehöre der Geschichte an und habe seinen Ort im Gedächtnis der Kirche. Inzwischen hat sich das als grandioser Irrtum herausgestellt. Heute ist die antichristliche Gewalt in all ihren Erscheinungsformen zurückgekehrt und wird verübt in seiner typologisch reinsten Gestalt: als Gewalt um des Glaubens willen. Den Opfern und Leidtragenden muss die Solidarität aller Christen gelten, in Wort und Tat und vor allem im beständigen Gebet.

Gewalt von Christen gegen Christen

Dasjenige Kapitel der christlichen Gewaltgeschichte, das ohne Zweifel am meisten bestürzt, haben Kirchen und Christen selbst geschrieben. Erinnert sei zum Beispiel an die über 3.000 Hugenotten, die im Laufe der berüchtigten Bartholomäus-Nacht (24. August 1572) getötet wurden und für die sich Papst Johannes Paul II. bei seinem Frankreich-Besuch entschuldigte. Zu denken ist auch an das Blutbad, das im Zuge der Ketzer-Kreuzzüge gegen die Albigenser bzw. Katharer im 12. Jahrhundert angerichtet wurde, übrigens unter tatkräftiger und eigennütziger Mithilfe des „weltlichen Arms“. In England richteten die Protestanten ihrerseits Katholiken hin, während sie gegen die Wiedertäufer gelegentlich gemeinsame Sache mit der katholischen Kirche machten, wie bei der Zerschlagung der Täuferherrschaft in Münster. – Außer den Freikirchen haben sich, wenngleich in deutlich unterschiedlichem Maße, irgendwann alle Konfessionen im Streit um den wahren Glauben schuldig gemacht.

Vor diesem düsteren Hintergrund leuchtet unmittelbar ein, weshalb die Ökumene als praktischer Ausweis der Friedensfähigkeit des Christentums ein unverzichtbares Element christlich-kirchlichen Lebens in Gegenwart und Zukunft darstellt. Mehr noch: Es gibt eine Ökumene christlicher Märtyrer, die alle Lehrunterschiede überstrahlt. Wenn das Wort der Alten Kirche wahr ist, dass sie die Saat sind, aus der die Kirche wächst, dann liegt in ihrem Leiden und Sterben trotz aller Bitterkeit eine paradoxe, aber große Hoffnung.

 

Zum Autor:

Heinz-Günther Stobbe, emeritierter Professor mit dem Lehrgebiet „Systematische Theologie und theologische Friedensforschung“ an der Universität Siegen, zuvor ab 1986 Professor an der Westfälischen Wilhelms-Universität, Münster

Interview mit Peter Sefton-Williams

„Den Christen blieb nur die Wahl zwischen dem Übertritt zum Islam und der Flucht.“

Das päpstliche Hilfswerk „Kirche in Not“ analysiert regelmäßig die Lage der Religionsfreiheit weltweit. Im gerade erschienenen aktuellen Bericht mit dem Titel „Religious Freedom Report 2014“ stellen die Autoren erheblich gestiegene Einschränkungen dieses Menschenrechts fest. Wir haben mit dem Herausgeber des Berichts, Peter Sefton-Williams, gesprochen.


Kompass: Herr Sefton-Williams, welche Haupterkenntnisse haben Sie durch Ihren Bericht erhalten?

Peter Sefton-Williams: Der Bericht bestätigt im Grunde die vielen gewalttätigen Bilder, die wir täglich in den Nachrichten sehen, auch im Hinblick auf die Religionsfreiheit. Wir haben in fast allen Ländern, in denen sich etwas an der Situation von religiösen Minderheiten geändert hat, eine Verschlechterung feststellen müssen. Manchmal werden diese Minderheiten schon durch das geltende Recht oder die Verfassung diskriminiert, besonders krass ist das natürlich in totalitären Staaten, wie Nordkorea, der Fall. Anderswo stehen eigentlich ethnische Spannungen hinter den religiös getarnten Anfeindungen. Doch es kommt auch vor, dass eine religiöse Gruppe eine andere unterdrückt – oder gar versucht, sie zu eliminieren.

Kompass: In welcher Weltregion hat sich die Lage denn besonders dramatisch verschlechtert?

Peter Sefton-Williams: Ohne Zweifel muss hier der Nahe und Mittlere Osten an erster Stelle genannt werden. Dort drängen radikalislamische Kräfte mit Macht auf rein monoreligiöse Staaten. Wo Christen und Muslime früher jahrhundertelang friedlich zusammenlebten, nimmt heute die Tendenz zu, dass die dominanten religiösen Gruppen auf eine allgemeine Konformität der religiösen Praxis drängen. Das geschieht häufig durch die Durchsetzung des Scharia-Rechts oder durch Instrumente wie das „Blasphemiegesetz“ in Pakistan.

Die Entstehung des „Islamischen Staates“ (IS) in Syrien und im Irak ist das deutlichste Beispiel für solche radikalen Tendenzen. Im Juli 2014 vertrieben die Terroristen des IS alle Glaubensgemeinschaften einschließlich der nicht sunnitischen Muslime aus der nordirakischen Stadt Mossul. Den Christen blieb nur die Wahl zwischen dem Übertritt zum Islam und der Flucht. Ihnen wurde ein Ultimatum gestellt und der „Islamische Staat“ erklärte, falls sie sich nicht daran halten würden, werde es für sie „nichts als das Schwert“ geben. In kürzester Zeit verschwanden die Christen aus einer Stadt, in der bis vor Kurzem noch 30.000 von ihnen gelebt hatten. Zum ersten Mal seit 1.600 Jahren gab es in Mossul keine Sonntagsgottesdienste mehr.

Kompass: Ihr Bericht enthält auch westliche Länder. Welche Probleme mit der Religionsfreiheit gibt es dort?

Peter Sefton-Williams:Auch bei uns im Westen nehmen religiöse Spannungen zu. Das hängt mit einem aggressiven Atheismus und einem liberalen Säkularismus auf der einen Seite und einem schnellen Zustrom von Wirtschaftsmigranten und Flüchtlingen, deren Glaube und Kultur sich deutlich von denen des Aufnahmelandes unterscheiden, auf der anderen Seite zusammen. Im Allgemeinen ist das Maß der religiösen Unterdrückung in westlichen Demokratien natürlich weiterhin gering. Dennoch gibt es beunruhigende Tendenzen. Eine dieser Entwicklungen ist besonders hervorzuheben: Während die öffentliche Meinung im Westen zunehmend und zu Recht jede Diskriminierung aufgrund der Rasse, des Geschlechts und der sexuellen Orientierung als unannehmbar betrachtet, nimmt gleichzeitig der Konsens über die Gewissensfreiheit von Gläubigen ab.

Insbesondere bei Themen wie den konfessionellen Schulen, der gleichgeschlechtlichen Ehe und der Euthanasie besteht ein zunehmender Konflikt zwischen traditionellen religiösen Auffassungen und dem „progressiven“ liberalen Konsens. Während die herrschende Meinung anerkennt, dass Gläubige zumindest die Freiheit haben sollten, ihren Glauben privat zu praktizieren, besteht immer weniger Einigkeit darüber, in welchem Maß dieser Glaube in der Gesamtgesellschaft sichtbar werden darf. Die Folge ist eine immer deutlichere Tendenz dahin, dass die Rechte einiger Gruppen die Rechte anderer Gruppen in den Hintergrund drängen. In der Praxis bedeutet diese „Hierarchie der Rechte“, dass dort, wo die Rechte von Homosexuellen oder Menschen, die eine Gleichstellung der Geschlechter fordern, mit der Gewissensfreiheit von Gläubigen kollidieren, die erstgenannten Gruppen in der Regel Vorrang haben. Im Vereinigten Königreich wurden zum Beispiel katholische Adoptionsagenturen, die sich weigern, Kinder an homosexuelle Paare zu vermitteln, dazu gezwungen, ihre Regeln entweder zu ändern oder zu schließen.

Es ist unsere Hoffnung, dass es uns gelingt, eine stärkere Reflexion der Grundprinzipien der Religionsfreiheit anzuregen, vor allem auch darüber, in welchem Maße es religiösen Gruppen erlaubt sein sollte, rechtlich von geltenden Normen abzuweichen.

Kompass: Sie geben den Medien eine Mitschuld an diesen antireligiösen Tendenzen im Westen. Können Sie das näher erläutern?

Peter Sefton-Williams:Die internationalen Nachrichtenmedien konzentrieren sich in ihren Schlagzeilen auf den religiösen Extremismus und auf die Gewalt, die er auslöst. Dabei findet aber selten eine Analyse der möglichen Auswirkungen und Folgen dieser Gewaltakte statt. Die Medien berichten in der Regel auch nicht über die religiösen Wurzeln der Konflikte, was zumindest eine Basis für ein besseres Verständnis liefern könnte. So müssen die Leser, Zuschauer und Zuhörer den Eindruck gewinnen, dass die berichteten Ereignisse zufällige Akte der Grausamkeit sind, die von geistesgestörten Bewaffneten begangen werden. Glaubensgemeinschaften stellen nach dieser Interpretation der säkularen Medien zunehmend ein Problem dar, das zu bewältigen ist. Im Westen setzt sich dadurch immer mehr die Sicht durch, dass Religion nicht etwa das Beste im Menschen hervorbringt, sondern seine schlimmsten Seiten. Das ist eine sehr einseitige Berichterstattung, die wir kritisieren müssen.

 Die Fragen stellte André Stiefenhofer.

Kommentar: Gewalt gegen Christen geht uns alle an!

Ein Kommentar von Heribert Hirte MdB

Das brutale Vorgehen der Islamisten im Irak gegen Christen und andere religiöse Minderheiten hat uns schmerzlich vor Augen geführt: Christenverfolgung gab es nicht nur im antiken Rom; das Thema ist im Gegenteil sehr aktuell. Aber was hat es mit uns zu tun, wenn Christen in emotional so fernen Ländern wie dem Irak oder Syrien um ihr Überleben kämpfen? – Ich glaube: eine Menge!

Was hat das mit uns zu tun?

Als Christen dürfen wir nie wegschauen, wenn Menschen auf so brutale Art und Weise vertrieben oder gar abgeschlachtet werden. Wir müssen den vertriebenen Familien, den Waisen, den Traumatisierten zur Seite stehen. Die Möglichkeiten dazu sind vielfältig: Wir können (und müssen!) ihnen vor Ort zur Seite stehen, indem wir schnelle und unkomplizierte humanitäre Hilfe leisten, die wir notfalls auch militärisch absichern. Ich halte auch die Waffenlieferungen an die kurdischen Peschmerga für richtig, um weitere Erfolge der Terroristen vom sogenannten „Islamischen Staat“ zu verhindern – auch wenn es mir lieber wäre, wir könnten eine multi-ethnische Armee unterstützen, die sich ganz sicher auch langfristig für die Christen und andere Minderheiten einsetzt. Aber eine solche Armee gibt es in der Region derzeit nicht. Und nicht zuletzt müssen wir diejenigen, die in ihrer Heimat keinerlei Zukunft und Sicherheit mehr für sich und ihre Familie sehen, menschenwürdig aufnehmen.

Wir müssen aber auch diejenigen unterstützen, die bleiben wollen und die ihre kulturelle Heimat nicht aufgeben wollen. Indem wir den Nachbarländern der Kriegsgebiete unter die Arme greifen, können wir zumindest die Hoffnung aufrechterhalten, dass eine Rückkehr irgendwann möglich sein könnte. Es kann nicht in unserem Interesse sein, dass eine Region, die als „Wiege des Christentums“ gilt, nach beinahe 2.000 Jahren christenfrei wird. Das wäre auch für den Irak und Syrien selbst ein herber Verlust, deren Gesellschaften und Religionen stark von den Christen beeinflusst wurden. Die frühen Muslime, zum Beispiel, haben viele Praktiken von den orientalischen Christen übernommen. Das Christentum ist im Nahen Osten also – anders als uns der IS nahelegen will – kein Fremdkörper, sondern Teil einer bunten, vielfältigen Geschichte.

Und zu guter Letzt geht es bei allen Versuchen, die Religionsfreiheit einzuschränken, ganz generell um einen Angriff auf ein wesentliches Menschenrecht. Ja sogar noch mehr: Überall dort, wo die Religionsfreiheit beschnitten wird, werden auch andere Freiheiten wie die Presse-, Versammlungs- oder Meinungsfreiheit nicht gewährt. Im Umkehrschluss gilt: Verbessert sich die Lage für Christen, verbessert sich automatisch auch die Situation anderer (religiöser) Minderheiten – oder auch der Mehrheitsgesellschaft. Deshalb lohnt es sich, gegen jegliche Gewalt gegen Christen vorzugehen – sei es Gewalt von Seiten einer bestimmten Regierung oder einzelner gesellschaftlicher Akteure. Das gilt übrigens auch bei uns im sogenannten Westen. Denn der aktuellste Bericht zur Religionsfreiheit von „Kirche in Not“ zeigt: Religiöse Spannungen nehmen auch hierzulande zu. Überhaupt boten 116 von 196 Staaten Anlass zur Sorge. Damit decken sich die Ergebnisse mit anderen wissenschaftlichen Untersuchungen zu dem Thema: Die Religionsfreiheit wird täglich angegriffen – überall auf der Welt: ob in Pakistan, wo jüngst ein christliches Ehepaar gelyncht wurde, weil es angeblich den Koran geschändet hatte, oder in Nigeria, wo die Terrororganisation Boko Haram versucht, die Religion als Brandbeschleuniger für wirtschaftliche Konflikte zu nutzen (übrigens kein Einzelfall; Religion wird häufig missbraucht im Kampf um Macht und Geld).

Was können wir dagegen tun?

Die wichtigste Waffe im Kampf für die freie Ausübung des Glaubens ist das Wort. Sprechen wir also über die Missstände, wo immer wir von ihnen wissen. Treten wir selbstbewusst für das Recht ein, unsere Religion auszuüben. Und gestehen wir umgekehrt anderen das Recht zu, dies ebenfalls zu tun. Nur so verhindern wir, dass sich radikale Ideen mit dem Anspruch auf Alleinherrschaft durchsetzen.

Prof. Dr. Heribert Hirte, Professor für Wirtschaftsrecht, seit 2013 direkt gewählter Abgeordneter für den Kölner Süden und Westen, Vorsitzender des Stephanuskreises der CDU/CSU-Bundestagsfraktion