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Welttag des Friedens

© ILO / A. Khemka
© ILO / A. Khemka

Das Jahr und der Monat Januar 2015 beginnen – wie seit fast 50 Jahren – am 1.1. mit dem Weltfriedenstag. Papst Franziskus hat ihn wiederum der „Geschwisterlichkeit“ gewidmet und ihm das Motto gegeben: „Nicht länger Sklaven, sondern Brüder und Schwestern!“ C. Strässer, der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, geht besonders auf Kinderarbeit ein, P. Spiegel, MISEREOR-Geschäftsführer, antwortet im Interview auf Fragen zu „moderner Sklaverei“ und Erzbischof L. Schick kommentiert u. a. den Menschenhandel.

Immer wieder spielen in den Beiträgen zum Kompass-Schwerpunkt die Botschaft von Papst Franziskus vom 10.12.2014 sowie die Arbeitshilfe der Deutschen Bischofskonferenz dazu eine Rolle. Auch die Ergebnisse der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und die Zahlen des „Global Slavery Index 2014“ werden mehrfach zitiert.

Grundsatz: Der Fall der Berliner Mauer von Hans-Hermann Hertle

Bescherte ein historischer Irrtum den Deutschen den Fall der Mauer und in dessen Konsequenz die deutsche Einheit? Wurde der berühmte „Zettel“ Günter Schabowski erst während seiner Pressekonferenz zugeschoben? Steckten der KGB oder andere Geheimdienste dahinter? War die Pressekonferenz inszeniert? Wollte Schabowski mit der schwer verständlichen Verkündung einer neuen Reiseverordnung und des Zeitpunkts ihrer Inkraftsetzung („nach meiner Kenntnis ... sofort, unverzüglich“) der DDR bewusst den Todesstoß versetzen? Wusste der West-Berliner Senat schon Tage zuvor Bescheid, dass die Mauer am 9. November fallen würde? War der Mauerfall die letzte Rache der SED, um die Bürgerbewegung um ihre Revolution zu betrügen?

Politische Jahrhundert-Ereignisse sind seit jeher ein bevorzugtes Objekt der Mythenbildung. Und so verwundert es wenig, dass immer noch zahlreiche Legenden um den Fall der Mauer gewoben werden. Doch die Akten sind offen, viele Beteiligte befragt und die Hintergründe der Entscheidungen und Ereignisse bis ins Detail ausgeleuchtet.

Der Fall der Mauer war weder von der SED-Führung beabsichtigt noch wurde er von Günter Schabowski bekanntgegeben: Daran kann kein Zweifel bestehen. Politik, Militär und Geheimdienste in Ost und West konnten dementsprechend keine Vorinformationen besitzen; sie alle wurden davon völlig überrascht.

Der Sturm auf die Grenzübergänge setzte nicht – wie häufig fälschlich angenommen wird – als unmittelbare Reaktion auf die Bekanntgabe einer neuen Reiseregelung durch das SED-Politbüromitglied Schabowski um 18:57 Uhr auf einer live im DDR-Fernsehen übertragenen Pressekonferenz ein, sondern erst massiv – mit deutlichem zeitlichen Abstand – als Folge der sich anschließenden Berichterstattung vor allem der West-Medien.

Nicht beabsichtigt war mit der von Schabowski verkündeten Reiseverordnung, die Mauer einzureißen. Beabsichtigt war vielmehr, beginnend mit dem 10. November 1989, ständige Ausreisen, wie sie bereits seit dem 10./11. September 1989 über die ungarisch-österreichische und seit dem 4. November 1989 über die tschechoslowakisch-westdeutsche Grenze möglich waren, nun auch über die deutsch-deutsche Grenze zu genehmigen, aber erst nach einem entsprechenden Antrag. Besuchsreisen sollten – ebenfalls auf Antrag – bis zu dreißig Tagen pro Jahr genehmigt werden, jedoch an die Erteilung eines Visums und den Besitz eines Reisepasses gekoppelt werden.

Einen Reisepass aber besaßen nur etwa vier Millionen Bürger, nämlich überwiegend die DDR-Rentner. Alle anderen, so das Kalkül, mussten zunächst einen Pass beantragen und sich dann noch einmal mindestens vier Wochen gedulden. Dadurch sollte einerseits die Reisebewegung zeitlich gestreckt und andererseits der zu erwartende Ansturm auf die Dienststellen der Volkspolizei – und nicht auf die Grenze – gelenkt werden. Auf diese Effekte waren Formulierung wie Terminierung der öffentlichen Bekanntgabe des Beschlusses abgestellt, die am Morgen des 10. November über die DDR-Medien erfolgen sollte. Über Nacht sollten die zuständigen Dienststellen des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) und der Volkspolizei sowie die Grenztruppen mit der neuen Regelung vertraut gemacht werden.

Mit dieser Reiseverordnung wollte die SED-Führung Druck ablassen: Hunderttausende Menschen forderten auf Demonstrationen überall in der DDR freie Wahlen, die Zulassung von Oppositionsgruppen und immer wieder und vor allem: Reisefreiheit. Und die CSSR-Regierung verlangte von SED-Chef Krenz ultimativ, die Völkerwanderung von DDR-Bürgern durch ihr Land zu stoppen und ihre Ausreise in die Bundesrepublik direkt über die deutsch-deutsche Grenze abzuwickeln.

Schabowskis vorzeitige und konfuse Bekanntgabe, deren Interpretation durch die West-Medien und der dadurch einsetzende Mobilisierungsprozess machten all diese Absichten der SED-Führung zunichte. Zu einem spontanen, sofortigen Ansturm auf die Berliner Grenzübergänge führten Schabowskis Mitteilungen indes nicht. Vielmehr interpretierten die West-Medien, zunächst die Presse-Agenturen, und auf deren Meldungen beruhend Hörfunk und Fernsehen, den bürokratischen Verordnungstext als bedingungslose und sofortige Grenzöffnung. So meldete AP bereits um 19:05 Uhr: „DDR öffnet Grenze.“

Kurz vor Beginn der ARD-„Tagesschau“, um 19:41 Uhr, übertrumpfte dpa die AP-Meldung, stellte die Ankündigung Schabowskis als bereits vollzogene Tatsache dar, und verkündete „Sensationelles“: „Die DDR-Grenze zur Bundesrepublik und nach West-Berlin ist offen.“

Die „Tagesschau“ um 20:00 Uhr platzierte die Reiseregelung als Top-Meldung. „DDR öffnet Grenze“, lautete die eingeblendete Schrift, zu der Nachrichtensprecher Joe Brauner dann die Kernsätze des Verordnungstextes verlas.

Dennoch: Um 20:15 Uhr, 75 Minuten nach der Pressekonferenz Schabowskis und unmittelbar nach dem Ende der „Tagesschau“, hatten sich gerade einmal achtzig Ost-Berliner an den Grenzübergängen Sonnenallee (acht bis zehn), Invalidenstraße (zwanzig) und Bornholmer Straße (fünfzig) zur „Ausreise“ eingefunden, wie der Lagebericht der Ost-Berliner Volkspolizei festhielt.

Ohne jegliche Information und ohne Befehle ihrer militärischen Führung – die Fernseh-Berichterstattung hatte den Dienstweg überholt – sahen sich die Grenzposten auf Ost-Berliner Seite –zunächst vor allem in der Bornholmer Straße – einer zwar wachsenden, aber immer noch überschaubaren Menschenansammlung gegenüber, die zwischen 21:00 und 21:30 Uhr auf 500 bis 1.000 Personen geschätzt wurde. Ganz wenige wollten ausreisen, fast alle die vermeintliche Reisefreiheit testen. Gegen 21:30 Uhr kam es in der Bornholmer Straße zur sogenannten Ventillösung: Um den Druck abzubauen, wurde die Ausreiseabfertigung aufgenommen. Die Personalausweise der DDR-Bürger wurden mit einem Passkontrollstempel neben dem Lichtbild ungültig gestempelt; ohne es zu wissen, waren die ersten Ost-Berliner, die jubelnd über die Bornholmer Brücke nach West-Berlin liefen, ausgebürgert worden.

Mit einem Ansturm auf alle Berliner Grenzübergänge rechnete man im MfS, das für diese Entscheidung zuständig war, offenbar nicht: Außer in der Bornholmer Straße und am Übergang Heinrich-Heine-Straße, an dem sich laut Volkspolizei-Bericht gegen 21:30 Uhr 120 Personen auf der Ostseite versammelt hatten, waren um diese Zeit „an den übrigen GÜST [Grenzübergangsstellen] nur vereinzelt Personen festzustellen“. Stasi-Generalmajor Heinz Fiedler beruhigte sich und seine Genossen an den Übergängen mit den Worten: „Wie ich meine Berliner kenne, gehen die um 23 Uhr ins Bett.“ Doch von dieser Gewohnheit sollten an diesem Abend zu viele Ost-Berliner Abstand nehmen. Höhepunkt der Fernseh-Berichterstattung waren die ARD-„Tagesthemen“, die an diesem Abend leicht verspätet um 22:42 Uhr begannen. Ein Einspielfilm zeigte die nahezu menschenleere Westseite des Brandenburger Tores. Chefmoderator Hanns Joachim Friedrichs verkündete dazu: „Das Brandenburger Tor heute Abend. Als Symbol für die Teilung Berlins hat es ausgedient. Ebenso die Mauer, die seit 28 Jahren Ost und West trennt. Die DDR hat dem Druck der Bevölkerung nachgegeben. Der Reiseverkehr in Richtung Westen ist frei.“

Dann kam Friedrichs ins Bild und beendete seine Anmoderation mit den Sätzen: „Im Umgang mit Superlativen ist Vorsicht geboten, sie nutzen sich leicht ab. Aber heute Abend darf man einen riskieren: Dieser 9. November ist ein historischer Tag. Die DDR hat mitgeteilt, dass ihre Grenzen ab sofort für jedermann geöffnet sind. Die Tore in der Mauer stehen weit offen.“

Doch Friedrichs‘ Ansage eilte den Ereignissen voraus: Entgegen der von ihm behaupteten Tatsache zeigte ein gegen 22:00 Uhr fertiggestellter Einspielfilm der Berliner Redaktion, dass zumindest an den gefilmten Grenzübergängen in der Heinrich-Heine-Straße und am Checkpoint Charlie absolute Ruhe herrschte.

Dann wurde nach Berlin geschaltet. „Tagesthemen“-Reporter Robin Lautenbach meldete sich live vom Grenzübergang Invalidenstraße, dessen Tor ebenfalls unübersehbar geschlossen war. Doch drei West-Berliner Augenzeugen, die zuvor am Grenzübergang Bornholmer Straße gewesen waren und die Lautenbach dann interviewte, halfen ihm und Friedrichs aus der Patsche.

In Unkenntnis der Ausbürgerungsabsichten der DDR-Seite berichtete ein Augenzeuge: „Ich habe erlebt, dass um 21:25 Uhr das erste Pärchen tränenaufgelöst auf uns zugelaufen kam und die Berliner weiße Linie erreicht hat. Sie sind mir beide um den Hals gefallen und wir haben alle gemeinsam geweint.“ Und die beiden anderen Augenzeugen ergänzten unter anderem, Ost-Berliner gingen hin und her, sie bräuchten nur den Personalausweis – in den es einen Stempel gäbe!

Robin Lautenbach deklarierte umgehend den geschlossenen Übergang Invalidenstraße zum Ausnahmefall: „Hier in der Invalidenstraße auf der anderen Seite haben die Grenzpolizisten offenbar diese Weisung noch nicht bekommen oder sie haben sie nicht verstanden. Hier werden bis zu diesem Zeitpunkt offenbar die Leute auf der östlichen Seite weiter zurückgeschickt. Sie werden vertröstet auf morgen, 8:00 Uhr, dass sie sich dort ihren Stempel bei der Volkspolizei abholen können. Aber wie gesagt, an sehr vielen anderen Grenzübergängen, nicht nur in der Bornholmer Straße – wir haben es auch gehört von der Sonnenallee und vom Ausländergrenzübergang Checkpoint Charlie – ist es offenbar bereits möglich, mit dieser neuen Regelung völlig komplikationslos nach West-Berlin zu kommen. – Damit gebe ich zurück zum ‚Tagesthemen‘-Studio.“

„Reiseverkehr frei“? – „Tore in der Mauer weit offen“? – „Völlig komplikationslos nach West-Berlin“? Nach diesen Berichten gab es für Tausende, ja Zehntausende Ost- und West-Berliner sowie Bewohner des Umlandes kein Halten mehr. Erst jetzt begann jener Ansturm auf die Grenzübergänge, der Passkontrolleure und Grenzsoldaten zwang, das Stempeln einzustellen, die Durchlässe freizugeben und den Rückzug anzutreten. Später in der Nacht wurde die Mauer am Brandenburger Tor zunächst vom Westen aus bestiegen und besetzt, dann das Wahrzeichen der geteilten Stadt und der Pariser Platz von Ost und West erobert – das symbolträchtigste Ereignis der Nacht, das aus der Öffnung der Grenzübergänge den Fall der Mauer werden ließ.

Jene Fernsehzuschauer und Rundfunkhörer, die den historischen Moment nicht verpassen und eigentlich nur mal „gucken“ und dabei sein wollten und deshalb an die Grenzübergänge und das Brandenburger Tor eilten, führten im Grunde das Ereignis erst herbei, das sonst gar nicht stattgefunden hätte. Eine von den Medien verbreitete Fiktion mobilisierte die Massen und wurde dadurch zur Realität.

Der Fall der Berliner Mauer ist das erste welthistorische Ereignis, das als Folge der vorauseilenden Verkündung durch Presse-Agenturen, Fernsehen und Hörfunk eintrat.

Zum Autor: Dr. Hans-Hermann Hertle ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam.

Interview mit General a. D. Wolfgang Schneiderhan

Vor 25 Jahren – die Mauer in Berlin fällt


Kompass: Zum Zeitpunkt des Berliner Mauerfalls waren Sie Chef des Stabes der 4. Panzergrenadierdivision in Regensburg. Können Sie sich noch erinnern, was sich damals zugetragen hat? Was machten Sie am 9. November 1989 und wie sind Ihnen die Tage danach in Erinnerung? Was ging Ihnen durch den Kopf?

Wolfgang Schneiderhan: Jener Donnerstag war wie die Tage davor für den Divisionsstab geprägt durch die vielen Organisationsaufgaben zur weiteren Unterbringung und Versorgung der DDR-Flüchtlinge in unseren Kasernen in Regensburg und fast allen anderen Standorten in der Oberpfalz. Da ging es um viele Versorgungsgüter für Mutter und Kind, die nicht in den Regalen der Division lagerten. Dezentrale Improvisation, Entscheidungsfreude und Risikobereitschaft waren ebenso gefragt wie Zusammenarbeit mit zivilen Stellen, der Polizei, den Kreisverwaltungen, den Kommunen. Zivil-Militärische Zusammenarbeit im ganz klassischen Sinne, einschließlich abgestimmter Öffentlichkeitsarbeit und alles in ungewohnten Bereichen und unklarer Lage. Heute würde man das „Einsatz ähnlich“ nennen, was wir damals noch nicht als Begriff zur Verfügung hatten. Alle packten zu, Dienstanweisungen und Zuständigkeiten spielten keine Rolle, die Realität des Alltags war unser Auftraggeber. Natürlich fragten wir nach unserer „Durchhaltefähigkeit“: Wie viele kommen noch? Wie geht es weiter? Aber die Fragen störten das Handeln nicht.

Kompass: Mit Blick auf das, was die sicherheitspolitische Lage zwischen Ost und West zu diesem Zeitpunkt bestimmte – welche Sorgen hatten Sie damals und wahrscheinlich auch Ihre Kameraden?

Wolfgang Schneiderhan: Staatlicher Zusammenbruch und Freiheitsrevolution in dem Teil Deutschlands, der zum Warschauer Pakt gehörte mit der stärksten sowjetischen Besatzungspräsenz – militärisch und politisch: Wird das gut gehen, friedlich bleiben? Ist das der Beginn einer Mittel- und Osteuropaweiten Revolution gegen den Totalitarismus? Wie reagieren Prag, Budapest, Warschau? Was meinte Gorbatschow am 9. Oktober 1989 in Ost-Berlin? Was heißt das alles für uns, die Bundeswehr, für die NATO? Das ist ein Ausschnitt aus dem Katalog unserer Fragen. Vor allem: Bleiben alle besonnen?

Kompass: Mit der Herstellung der staatlichen Einheit Deutschlands am 3. Oktober 1990 vollzog sich auch der Beitritt der Nationalen Volksarmee zur Bundeswehr. Mitte September 1994, also vier Jahre später, wurden Sie Kommandeur der Panzerbrigade 39 „Thüringen“ in Erfurt. Was waren damals für Sie im Bundesland Thüringen die Herausforderungen in Hinsicht auf die Soldatinnen und Soldaten der ehemaligen NVA und der erstmals als Wehrpflichtige in der Bundeswehr dienenden jungen Thüringer?

Wolfgang Schneiderhan: Als ich nach Thüringen durfte, hatten meine Vorgänger, die Generale van Heyst und Beck, die Basisarbeit der Integration schon geleistet. Ich konnte mich auf Integration durch Ausbildung und die Entwicklung der soldatischen Gemeinschaft konzentrieren und versuchte, den neu zu uns gekommenen Kameraden unsere Prinzipien der Inneren Führung erlebbar zu machen. Dazu gehörte auch – und ganz wesentlich – der Aufbau der Militärseelsorge. Da merkte man, dass einige der Älteren doch etwas fremdelten. Aber der Weg, nicht viel darüber zu reden, sondern es zu machen, war auch hier richtig. Hilfreich war der Wechsel der Unterstellung der Brigade unter eine „alte Division“ im Westen, in Mainz, und unter das Korps in Ulm. Überwindung der alten Grenzen durch Unterstellung: Das war eine gute Idee, die alte Grenze spielte keine Rolle mehr, das half beim Verstehen und Kennenlernen. Wir waren eine modern ausgestattete Panzerbrigade und hatten viele Gelegenheiten zum Üben.

Kompass: Jetzt, nach 25 Jahren Mauerfall und sechs Jahre nach Ihrem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst in der Bundeswehr – wie fallen Ihr Urteil und Ihre Bilanz zur staatlichen Einheit Deutschlands aus? Was ist erfolgreich gelaufen? Wo sehen Sie Defizite?

Wolfgang Schneiderhan: Wenn ich mir die Welt um uns herum heute ansehe, wird das Geschenk der Einheit zu den damaligen Bedingungen immer wertvoller. Meine Bilanz ist deshalb positiv. Dass nicht immer alles rund, und auch noch richtig, und allen schnell genug lief – konnte das wirklich überraschen? Strategische Geduld und Konsequenz in der Zielverfolgung haben sich am Ende bewährt. Darüber muss denen viel erzählt werden, die diese Erfahrung selbst nicht machen durften.

Zur Person: Wolfgang Schneiderhan war von 2002 bis 2009 der 14. Generalinspekteur der Bundeswehr. Mit sieben Jahren in dieser Funktion war er der am längsten dienende Generalinspekteur.

 Das Interview führte Josef König.

Kommentar: Was soll ich 25 Jahre danach sagen?

Ein Kommentar von Pfarrer Thomas Bohne

Am Tag der Maueröffnung war ich als Neupriester Kaplan in Greiz (im heutigen Bundesland Thüringen). Am nächsten Morgen, dem 10. November 1989, ging ich früh um 8 Uhr zu einer Polizeidienststelle, wo mir noch Unverständnis und Aufregung zugleich begegneten. Ich wollte mich „zum Test“ für eine Westreise anmelden. Die Beamtin erzählte mir etwas von „Antragsformular“ und „Bearbeitungszeit“. Ich fragte: „Haben Sie im Fernsehen heute Nacht die Bilder von der Maueröffnung gesehen?“ Da brach es aus ihr heraus: „Was soll ich machen, nichts ist bekannt, keine konkrete Anweisung liegt vor!“ Ich ging wieder und das Areal vor der Dienststelle, das zu diesem Zeitpunkt noch menschenleer gewesen war, füllte sich zwei Stunden später mit hunderten von Menschen. Sie alle warteten auf den berühmten Stempel in ihrem Personalausweis. Dieser machte es ihnen dann möglich, in den „Westen“ zu reisen. Unkompliziert, ohne Stempel, ging das nur in der Nacht zuvor.

Wenn ich jetzt einige Zeilen über die „Maueröffnung“ schreiben soll, scheint es mir wichtig, an die Ereignisse davor zu erinnern. Dazu gehört das Geschehen am 9. Oktober 1989 in Leipzig. Da gab es den späten Nachmittag, an dem sich in Leipzig ab 17 Uhr geschätzt ca. 70.000 Menschen im Zentrum friedlich versammelten und die bewaffneten Kräfte aus Polizei und Armee nicht eingriffen. Dieser inzwischen berühmte Befehl zur Eigensicherung und Rückzug der Bewaffneten wurde um 18:35 Uhr an diesem Montag gegeben. Deshalb läuteten in Leipzig am 9. Oktober 2014 auch zu diesem Zeitpunkt die Kirchenglocken. Doch von diesem Befehl wussten damals viele in Leipzig und auch wir in Greiz nichts. Ich selbst und viele in der Greizer Herz-Jesu-Gemeinde hatten Sorge und auch Angst, was da in Leipzig Schlimmes passieren könnte.

Aus diesem Grunde richtete ich damals in Absprache mit meinem Pfarrer ein Gebet in der Greizer Kirche ein. Es hieß „Gebet in dunkler Zeit“ und begann um 21 Uhr. Geplant war zunächst, bei diesem Nachtgebet Erfahrungsberichte aus Dresden vorzulesen. Berichte von und über Betroffene der polizeilichen Gewalt auf den Bahnhöfen dort. Über den kirchlichen Dienstweg erreichten die Pfarrhäuser damals solche Schilderungen über Polizeieinsätze, die aufgrund der Durchfahrt von Zügen aus Prag in Richtung Hof passiert waren. Denn mancher aus der DDR wollte in Dresden noch auf diese Züge aufspringen. Die Antwort des Staates damals: Polizeigewalt; auch an Unbeteiligten. Ähnliche Berichte erwarteten wir dann auch aus Leipzig.

Und nach diesem Gebet „In dunkler Zeit“ zogen etwa 30 Leute mit mir zum Telefon in meinem Zimmer im Pfarrhaus. Ich rief meinen damaligen Heimatpfarrer in der Nähe von Leipzig an. Ich wusste, dass er bei den Demonstranten gewesen war; von ihm wollte ich das Neueste erfahren. „Nichts ist passiert, und: ‚Wir sind das Volk‘!“, war seine Antwort am Telefon und alle um mich herum atmeten erleichtert auf.

Diese Nachtgebete und Anrufe mit den „Leipzig-Berichten“ gehörten dann im Greizer Pfarrhaus zu einer Tradition der „Wende“-Geschichte dort. Wir waren damals vielfältig aktiv: demonstrierten, debattierten und hörten Nachrichten; der Fernseher lief in diesen Oktober- und November-Tagen ununterbrochen in meinem Zimmer – und fast ausschließlich das zu diesem Zeitpunkt bereits reformierte DDR-Fernsehen.

Natürlich hörte ich an jenem Donnerstagabend, am 9. November, gegen 19 Uhr dieses berühmte Schabowski-Zitat: „Die Ausreise ist jetzt über alle Grenzübergangsstellen der DDR möglich – ab sofort.“ Nur dachte ich, dass damit eine Ausreise ohne Wiederkehr gemeint war. Und inzwischen wissen wir ja auch, dass das zunächst so war. Ich bin dann noch zu irgendeiner Abendveranstaltung gegangen. Die Schabowski-Äußerung spielte bei dieser Versammlung und Abendveranstaltung kaum eine Rolle. Eher in der Richtung, dass man jetzt problemlos auch aus der DDR ausreisen kann – aber mit einem Stempel auf das Bild des Personalausweises: Personalausweis ungültig, keine Rückkehr möglich. Doch das wollten viele zu diesem Zeitpunkt nicht – auch viele Pfarrer nicht. Wir wollten dieses Land DDR reformieren, Demokratie und Menschenrechte möglich machen.

Der Abend des 9. Oktober in Leipzig und die berühmte Nacht vom 9. November 1989 wurden von einigen Pfarrern damals mit dem Auszug des Volkes Israel aus ägyptischer Sklaverei verglichen und in diesem Sinne auch interpretiert. Das ist aus meiner Sicht auch richtig:

Gott hat sich wirkmächtig gezeigt. Die Streitmächte und Streitkräfte hielten still und ein Zug in die Freiheit war möglich.

Pfarrer Thomas Bohne

„CHRISTEN ALS WEGBEREITER DER WENDE“

Joachim Jauer schaut auf das Wendejahr 1989

Joachim Jauer hat sich in seiner journalistischen Tätigkeit sehr ausführlich mit der deutschen und europäischen Teilung beschäftigt. Überall, wo in der Nachkriegszeit deutsche Geschichte geschrieben wurde, war er nicht weit. Der Eiserne Vorhang war sozusagen sein Arbeitsfeld.

Das Interview auf der Webseite vom Erzbistum Berlin

                            

Kompass November 2014

Kompass_11_2014.pdf

In der Ausgabe 11/14 geht der Wehrbeauftragte auf die ernsten November-Feiertage wie Allerseelen und Volkstrauertag ein. Die Katholische Militärseelsorge war in den letzten Wochen geprägt von ihrer Gesamtkonferenz mit Afghanistan-Bilanz, Worten des Papstes sowie des Militärbischofs, den Leitsätzen und Personalwechsel. Bischof Overbeck hielt Vorträge an Bundeswehr-Ausbildungsstätten in Koblenz und Dresden und feierte sein Silbernes Priesterjubiläum in Rom und Essen. Mehrere Medientipps und Nachrichten aus aller Welt – von Hamburg bis Mali – runden die vielfältigen Ereignisse ab.

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