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Überfall auf Polen. 1. September 1939: Beginn des Zweiten Weltkriegs

Das Titelbild stammt aus einem Fotoalbum des Kriegspfarrers Georg Paulus und zeigt eine Krankenstation in Russland nach einem Granateinschlag im Dezember 1941.
Quelle: AKMB, Altregistratur, Nr. 205.

Viel wird in diesen Wochen über die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts gesendet und geschrieben. Hier liegt der Schwerpunkt auf dem Anfang des Angriffskriegs, die Rolle der katholischen Kirche in dieser Zeit und besonders die damals eingebundene Feldseelsorge – im Vergleich zur heutigen Militärseelsorge.

Wir dokumentieren in diesem Zusammenhang Daten und Originaltexte aus den Jahren 1933–1965; der Herausgeber, Militärbischof Overbeck, beantwortet umfassend einige Fragen; und ein Kommentar zum Verhältnis Polen – Deutschland rundet das Hauptthema im September 2014 ab.

Grundsatz: Vor 75 Jahren: Katholische Feldseelsorge zu Beginn des Zweiten Weltkriegs

„Erfüllt eure Pflicht gegen Führer, Volk und Vaterland!“

von Dr. Markus Seemann, Leiter des Archivs des Katholischen Militärbischofs (AKMB)

Als Hitler den Krieg gegen Polen begann, war die Feldseelsorge bereits auf den Ernstfall vorbereitet. Die im Rahmen eines Mobilmachungsplanes vorgesehenen Pfarrer waren „mit präziser Schlagfertigkeit“ an ihre Sammelplätze beordert und mit wenigen Ausnahmen sofort mit den nötigen Seelsorgegerätschaften ausgestattet worden. So berichtete es Feldbischof Franz Justus Rarkowski (1873–1950) am 18. September 1939 in einem Rundschreiben an die deutschen Bischöfe. So konnten Priester bereits bei den ersten Kampfhandlungen den Soldaten an der Front und auf den Verbandsplätzen seelsorglich zur Seite stehen.

74 katholische Geistliche – auf evangelischer Seite ebenso viele – waren in Friedenszeiten als verbeamtete Wehrmachtseelsorger im Offiziersrang tätig. Viele von ihnen waren vorher in der Jugendseelsorge tätig gewesen. Sie brachten als Motivation mit, den jungen Männern auch jetzt im Kriegsdienst Beistand zu leisten. Die Seelsorger unterstanden dem Feldbischof, der den Rang eines Generalmajors innehatte, und dem mit Georg Werthmann (1898–1980) ein Feldgeneralvikar zur Seite gestellt war, der die eigentlichen Amtsgeschäfte leitete.

Die rechtlichen Grundlagen der Katholischen Feldseelsorge waren im Artikel 27 des Reichskonkordats von 1933 festgelegt. Demnach wurde der Feldbischof durch den Heiligen Stuhl im Einvernehmen mit der Reichsregierung ernannt. Dieser wiederum ernannte nach vorherigem Benehmen mit den staatlichen Behörden die Militärgeistlichen. Allerdings ging man im Konkordat noch von anderen Bedingungen aus als sie sechs Jahre später herrschen sollten. Die 1919 in der Weimarer Republik gegründete Reichswehr war eine gemäß den Bestimmungen des Versailler Vertrags auf maximal 100.000 Mann begrenzte Berufsarmee, in der rund 30.000 Katholiken ihren Dienst verrichteten. Hitler setzte sich 1935 über den Vertrag hinweg und machte aus der Reichswehr die Wehrmacht. Binnen kürzester Zeit wurde sie auf eine Truppenstärke von 3,7 Mio. Mann bei Kriegsbeginn vergrößert.

Die Möglichkeit einer Erweiterung der Feldseelsorge hatte man bereits 1933 berücksichtigt und in einem geheim gehaltenen Anhang Regelungen für den Fall einer Umbildung des Wehrsystems durch Einführung der allgemeinen Wehrpflicht und einer allgemeinen Mobilisierung getroffen. Dies geschah im Laufe des Krieges insbesondere dadurch, dass neben den Wehrmachtseelsorgern mehrere Hunderte (die überlieferten Zahlenangaben schwanken) von Kriegspfarrern eingestellt wurden, die nach einem mindestens sechsmonatigen Dienst als Sanitätssoldaten und einem Lehrgang in ein Reichsbeamtenverhältnis auf Kriegsdauer (a. K.) eingestellt wurden. Die Kriegspfarrer waren allesamt relativ jung, meist noch keine 30 Jahre alt. Für die Truppenteile, die ihren Dienst weiter in der Heimat taten, wurden rund 1.400 zivile Seelsorger nebenamtlich als Militärseelsorger eingesetzt.

„Treu zu Führer, Volk und Reich!“

Gleichwohl reichten diese Neuzugänge angesichts des Massenheeres keineswegs aus, sodass viele Militärgeistliche mit ihren Aufgaben überfordert waren. Dass ein Divisionspfarrer, der mit seinem evangelischen Kollegen eine Truppe von bis zu 16.000 Mann an unterschiedlichen Frontabschnitten zu betreuen hatte, sich nur schwer um den einzelnen Soldaten kümmern konnte, ist nicht weiter verwunderlich. Die Feldseelsorge hatte somit permanente personelle Engpässe – und sie sollten sich im Verlaufe des Krieges, als der kirchenfeindliche Gegenwind von Seiten der NSDAP-Führung immer größer wurde, noch verstärken.

Doch ungeachtet dessen konnten sich die Wehrmachtseelsorge und die von ihr betreuten Soldaten 1939 wohlvorbereitet wissen. 1935 hatte der damalige Berliner Standortpfarrer und spätere Feldgeneralvikar Werthmann eine Broschüre mit dem Titel „Wir wollen dienen! Glaubenskraft als Quelle unserer Wehrkraft“ verfasst. Sie illustriert deutlich das Selbstverständnis der damaligen Militärseelsorge. Darin wurden klassische soldatische und christliche Tugenden wie Gehorsam, Pflichterfüllung, Kameradschaft und Gottesfurcht beschworen. Werthmann war kein Nationalsozialist. Vor 1933 hatte er sich noch entschieden gegen die NS-Ideologie geäußert. Aber wie so viele seiner Zeitgenossen erkannte er Hitler und sein Regime als legitime Obrigkeit an. Er verbreitete keine originäre NS-Ideologie, keinen Rassenhass und keinen Antisemitismus. Aber er verlieh seiner Loyalität gegenüber der Reichsregierung deutlichen Ausdruck. „Der Führer hat als Vollstrecker des Willens eines wiedererstarkenden Volkes Deutschland die Wehrfreiheit zurückgegeben“, diese anerkennenden Worte stehen am Beginn des Kapitels „Manneszucht“. Im Fahneneid sah er ein feierliches Bekenntnis zu Gott, zum Volk und zum Führer. „Dein Fahneneid verpflichtet dich dem Führer gegenüber zur Gefolgschaftstreue“, sprach er dem Soldaten ins Gewissen.

Neben dieser programmatischen Broschüre wurden die katholischen Soldaten im Sommer 1939 auch mit einem neuen Feldgesangbuch versorgt. Im Vergleich zu früheren Ausgaben finden sich hier mehr Bezugspunkte zur NS-Ideologie, die oftmals durch Druck aus dem Oberkommando des Heeres, dem die Feldseelsorge unterstellt war, durchgesetzt wurden. Aus heutiger Sicht unsäglich ist damit die Verquickung religiöser und politisch-ideologischer Inhalte. Das bekannte Kirchenlied „Großer Gott wir loben dich“ endete in einer neu hinzugefügten Strophe mit den Worten „Treu zu Führer, Volk und Reich!“ Im Lied „Fest soll mein Taufbund immer stehen“ wurden nicht nur die Treue zur Kirche und ihren Lehren beschworen, sondern ebenso der heilige Eid, dem Volk und der Obrigkeit treu bis in den Tod zu dienen.

Hinter solchen Zeilen stand unzweifelhaft der Versuch von Seiten der Feldseelsorge, ihre Loyalität zu demonstrieren und sich so gegen Anfeindungen der vorherrschenden Kräfte in der Parteiführung zu behaupten, die die Kirche und das Christentum früher oder später auszuschalten trachteten. Noch wollten die Nationalsozialisten auf eine Seelsorge als „wichtiges Mittel zur Stärkung der Schlagkraft des Heeres“ (so in einem Merkblatt des Oberkommandos des Heeres vom August 1939) nicht verzichten. Aber der im Reichskonkordat besiegelte Friede zwischen der katholischen Kirche und der Reichsregierung stand auf tönernen Füßen, und die Kirche sah sich eindeutig in der schwächeren Position. Es war somit auch taktisches Kalkül, den nationalsozialistischen Kirchengegnern durch systemkonforme Verlautbarungen Wind aus den Segeln zu nehmen. Auch hätte jeder Ansatz einer kritischen Äußerung, eines Appells an das Gewissen des Einzelnen dazu geführt, dass der Verfasser in Ungnade gefallen wäre und mit KZ-Haft hätte rechnen müssen. Zugleich aber leistete aus heutiger Sicht die Feldseelsorge mit einen Beitrag dazu, dass Millionen christlich geprägter deutscher Soldaten tatsächlich glaubten, einer guten Sache und dem Willen Gottes zu dienen, wenn sie für Hitler in den Krieg zogen.

Kein Aufruhr gegen legitime Regierung

Wie ein kluger Kopf und tiefgläubiger Christ, der Georg Werthmann zweifellos war, tatsächlich zwischen 1933 und 1945 über das NS-Regime dachte, können wir mangels persönlicher Dokumente heute nicht mehr rekonstruieren. Doch ein fester Glaube an die göttliche Legitimität von Staat und Regierung, mögen sie auch noch so verbrecherisch sein, hatte bei ihm, der noch im Kaiserreich sozialisiert war und den Ersten Weltkrieg als Kriegsfreiwilliger mitgemacht hatte, offenbar feste Wurzeln geschlagen. Noch nach dem Zusammenbruch, im Juni 1945, notierte Werthmann in einem Manuskript für eine von ihm geplante Geschichte der Feldseelsorge, dass es die sittliche und christliche Gewissenspflicht der Priester beider Kriegsparteien gewesen sei, ihrem jeweiligen Volk zur Verfügung zu stehen, „denn auf keiner Seite lag die Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit des Krieges offen zutage“. Selbst wenn die Seelsorger persönlich die Unsittlichkeit des Krieges erkannt hätten, stünde es „ihnen als Privatpersonen nicht zu, der legitimen Regierung ihres Staates in die Arme zu fallen und den Aufruhr gegen die Führung ihres Volkes zu predigen.“ Widerstand blieb illegitim.

Wenn man bedenkt, wie tief ein jeglicher Reflexion enthobener Glaube an die Obrigkeit verankert war, verwundert es vielleicht nicht mehr, dass sich auch die überwiegende Mehrzahl der deutschen Bischöfe 1939 zustimmend zum Krieg äußerte. Der Bischof von Hildesheim rief wie viele andere Geistliche die Zivilbevölkerung und Wehrmachtsangehörige auf: „Erfüllt eure Pflicht gegen Führer, Volk und Vaterland!“ Der Bischof von Speyer ließ um ein für Vaterland und Volk siegreiches Ende des Krieges beten. Der Freiburger Erzbischof appellierte an die Verbundenheit des einzelnen Soldaten mit seinem Volk: „Zum großen deutschen Volk gehört ihr als seine Wache und seine Wehr. Blut, Sprache, Kultur, naturhafte Liebe und andere Beziehungen tiefsinniger Art verbinden euch mit ihm.“ Selbst der Münsteraner Bischof Clemens August von Galen, der später mutige Worte gegen die Euthanasie-Verbrechen fand, nannte es ein Zeichen der Nachfolge Christi, „das eigene Leben einzusetzen zur Rettung unseres Volkes.“ Der Tenor der deutschen Bischöfe ging im September 1939 in dieselbe Richtung. Nur der Berliner Bischof, Kardinal Preysing, stimmte in die Aufrufe, sein Leben fürs Vaterland zu opfern, nicht mit ein, sondern sprach in seinem Hirtenwort von der notwendigen Haltung der Reue im Angesicht Gottes.

Die Hirtenbriefe des Feldbischofs

gingen mit der Haltung seiner zivilen Amtskollegen konform, nur dass sie noch stärker den nationalsozialistischen Duktus nachbeteten. Rarkowski, dem vormals zuweilen aus NSDAP-Kreisen vorgeworfen worden war, zu wenig für den Nationalsozialismus und die Wehrmacht übrig zu haben, schrieb nach dem Überfall auf Polen einen Heimatgruß an die Soldaten, in dem er das „in hellem Glanze“ stehende Vorbild des Führers und den von Gott gesegneten Kampf Deutschlands um seine Lebensrechte beschwor. In einem weiteren Hirtenbrief im Oktober desselben Jahres bezeichnete der Feldbischof den Waffengang gegen Polen als dem deutschen Volk von „wahnwitzigen Kriegshetzern“ im Ausland aufgezwungen. In Hitler sah der Bischof hingegen einen zum Frieden bereiten Staatschef und das Deutsche Reich damit unschuldig am Krieg. Den Tod auf dem Schlachtfeld für das Vaterland verklärte er als „menschlich schön und erhaben“ und darüber hinaus als „heiliges Sterben“. Die Problematik solcher Äußerungen war innerkirchlich durchaus bekannt. Was in Deutschland niemand wagen konnte, offen auszusprechen, brachte ein Kommentator von Radio Vatikan am 6. Oktober 1940 auf den Punkt: „Es sieht also fast so aus, als ob der Armee-Bischof [Rarkowski] sich manchmal den Nazis leichter gleichschalte als seiner Kirche.“ Der Kommentator, P. Robert Leiber, war ein deutscher Jesuit und Privatsekretär von Papst Pius XII.

Blick auf das brennende Warschau

Was haben nun Wehrmachtseelsorger aus den ersten Wochen des Krieges überliefert? Kriegspfarrer Severin Quint führte ein Tagebuch über den „Polenfeldzug“ vom 16. August bis 4. November 1939. Die Einträge sind stenografisch knapp gehalten: „30.9.39. Besuch beider Feldlazarette. Wir besuchen den Kirchturm von Linki, auf dem vor zwei Tagen unser Führer stand. Blick auf das brennende Warschau. Abends Fahrt zur Artillerie-Stellung. Festsetzung eines Feldgottesdienstes und einer Gefallenengedächtnisfeier.“ In diesem Stil gehen die Einträge in einem fort. Zusammenfassend berichtet Pfarrer Quint an den Generalvikar: „Es wurden abgehalten: 17 Feldgottesdienste, 75 Soldaten wurden beerdigt. Während des so raschen Vormarsches waren die Feldgottesdienste nur von jenen besucht, denen es kurz vorher noch bekannt gegeben werden konnte. Später waren die Feldgottesdienste dank der sehr entgegenkommenden Unterstützung der Herren Kommandeure sehr gut besucht. […] Während der Kampfzeit wurden fast täglich das Feldlazarett und die Verbandplätze seelsorglich betreut [und] die Heimatkorrespondenz für die Schwerverletzten auf ihren Wunsch erledigt.“

Interview mit dem Katholischen Militärbischof Dr. Franz-Josef Overbeck

„Die Bereitschaft zum Widerspruch war das Außergewöhnliche. Verbreitet waren auch bei Christen das Mitmachen und das Schweigen.“


Kompass: Zum Gedenken an den Zweiten Weltkrieg vor nun 75 Jahren feierten am 31. August 2014 deutsche und polnische katholische Bischöfe einen Gottesdienst in Gliwice (Gleiwitz). Welches waren die Gründe, die die Bischöfe bewogen, mit einem gemeinsamen Gottesdienst an den Beginn des Zweiten Weltkriegs zu erinnern?

Militärbischof Dr. Franz-Josef Overbeck: Die mit dem Zweiten Weltkrieg verbundenen Gewalt- und Schulderfahrungen haben lange Zeit zwischen Deutschen und Polen gestanden. Noch heute spüren wir die Nachwirkungen dieser Zeit in den besonderen Sensibilitäten des deutsch-polnischen Verhältnisses. Auch das Verhältnis zwischen der Kirche in Polen und Deutschland war lange Zeit massiv gestört. Dieser Zustand der Unversöhntheit stellte unser christliches Friedenszeugnis infrage und forderte es heraus. Soll dieses Zeugnis nicht zur vertröstenden Propaganda werden, sondern den Frieden fördern und den Glauben bezeugen, so muss es sich an den Verwundungen, die das Leben und die Geschichte zufügen, bewähren. Mit dem Schreiben der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder 1965, in dem die polnischen Bischöfe Vergebung aussprachen und ihrerseits um Vergebung baten, sowie mit der Antwort der deutschen Bischöfe wurde ein spannungsreicher, aber ausgesprochen fruchtbarer Weg der Versöhnung begonnen.

Wir stehen heute auf den Schultern der Generationen, die diesen Weg trotz aller Anfeindungen und Versuchungen gegangen sind. Die heutige Situation ist die einer erprobten Freundschaft, die sich der unterschiedlichen historischen Ausgangssituation beider Kirchen respektvoll bewusst ist, die aber vor allem in dem konstruktiven Bemühen vereint ist, gemeinsam Zeugnis von Frieden und Versöhnung abzulegen. Dazu gehört die gemeinsame Unterstützung der Arbeit der Maximilian-Kolbe-Stiftung ebenso wie das mittlerweile zu einem guten Brauch gewordene gemeinsame Begehen von einschlägigen Jahrestagen.

In diesem Jahr steht mit dem 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs in Deutschland ein anderes Ereignis im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit. Die inneren Zusammenhänge zwischen beiden katastrophalen Ereignissen sind offensichtlich. Nicht zuletzt deshalb war ich dankbar für die Einladung der polnischen Bischöfe, zu einer gemeinsamen Eucharistiefeier nach Gleiwitz zu kommen. Im Zentrum dieses Gottesdienstes sowie des anschließenden Gebets am ehemaligen Sender Gleiwitz standen das Gedenken an die Opfer der Gewalt, der demütige Dank für die geschenkte Versöhnung sowie das Gebet für den Frieden. Dabei richteten wir den Blick vor allem auch auf die heutigen Herausforderungen, wie sie sich in der Ukraine oder dem Nahen Osten stellen.

Kompass: Am 20. Juli 1933 wurde das Reichskonkordat zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Deutschen Reich geschlossen. Es regelte u. a. die Seelsorge für die Soldaten in der späteren Wehrmacht. Wie bewerten Sie heute und in Ihrer Verantwortung als Militärbischof – im zeitlichen Abstand und angesichts der unstrittigen historischen Fakten – die Wehrmachtseelsorge?

Militärbischof Dr. Franz-Josef Overbeck: Die Wehrmachtseelsorge muss ebenso wie das Reichskonkordat differenziert betrachtet werden. Die meisten der Seelsorger waren deutschnational gesinnt, aber keine überzeugten Nationalsozialisten. Der Katholischen Militärseelsorge war es ein Anliegen, sich gegenüber der nationalsozialistischen Ideologie zu behaupten. Die „Priester in Uniform“ leisteten zweifellos einen menschlich gesehen wertvollen Dienst an den Soldaten, sei es durch die Feier der Eucharistie, die Spendung des Bußsakraments, den seelischen Beistand in Todesgefahr, die Hilfe für Verwundete, die Begleitung von zum Tode verurteilten Soldaten oder die Kontaktpflege zu Angehörigen. Dabei waren die Seelsorger häufig selbst unmittelbarer Todesgefahr und physischen wie psychischen Belastungen ausgesetzt, von denen wir uns kaum eine Vorstellung machen können. Ein offenes Aufbegehren gegen den Nationalsozialismus war in dieser Position für die allermeisten nicht denkbar.

Die Seelsorger waren als Pfarrer, anders als heute, in die Kommandostrukturen der Wehrmacht eingebunden. Sie waren Reichsbeamte im Offiziersrang, mussten einen Treueeid auf Adolf Hitler ableisten und standen unter dem Druck des Oberkommandos der Wehrmacht. Im Laufe des Krieges, nachdem sich Hitler selbst an die Spitze der Wehrmacht gesetzt hatte, wurden der Feldseelsorge vermehrt Steine in den Weg gelegt. So wurden vakante Stellen nicht mehr besetzt und Ordensangehörige ausgeschlossen. Die Nationalsozialisten hatten ein ambivalentes Verhältnis zur Seelsorge in der Wehrmacht: Einerseits funktionalisierten sie Seelsorge zur Stärkung der „Wehrkraft“, andererseits gab es innerhalb der NSDAP Kräfte, die bestrebt waren, die Kirche langfristig zugunsten einer totalitären, auf Führer und Volksgemeinschaft ausgerichteten, neuheidnischen Ersatzreligion auszuschalten.

Differenzen zur nationalsozialistischen Ideologie, die vor 1933 noch Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen zwischen Kirche und NSDAP gewesen waren, wurden bald von vielen Priestern und Bischöfen unter den Tisch gekehrt. Stattdessen hoben sie vermeintliche weltanschauliche Gemeinsamkeiten hervor. Schlagworte hierfür waren Gottgläubigkeit, Vaterlandsliebe, Gehorsam, Gefolgschaftstreue und Kampf gegen den Bolschewismus. Dass sich die Kirche hierbei so stark dem Geist der Zeit anpasste und sich von einem verbrecherischen und kirchenfeindlichen Regime auch instrumentalisieren ließ, war ein schwerer Fehler. Die Irrtümer und Fehleinschätzungen, denen in der Zeit des Nationalsozialismus auch hochrangige Vertreter der Kirche unterlagen, wurden nach 1945 nur zögerlich und punktuell eingestanden. Die Bereitschaft zum Widerspruch war das Außergewöhnliche. Verbreitet waren auch bei Christen das Mitmachen und das Schweigen.

Unsere schwere Geschichte verlangt somit immer neu nach Auseinandersetzung und Deutung. Als Christen wissen wir: Der Glaube an Gottes Güte macht frei, sich auch den dunklen Seiten der eigenen Schuldgeschichte zu stellen. Es gibt eine historisch-moralische Verantwortung. Wir erinnern uns, damit wir nicht nachlassen, den Frieden zu sichern und zu fördern.

Kompass: Mit Blick auf die heutige Situation: Bedarf es weiterhin einer Katholischen Militärseelsorge in den deutschen Streitkräften und für die Familienangehörigen der Soldaten? Auch bei einem deutlichen Rückgang der konfessionell gebundenen Soldatinnen und Soldaten und damit der sakramentalen Notwendigkeiten? Wie begründet sich heute Militärseelsorge? Was sind Ihre Antworten darauf?

Militärbischof Dr. Franz-Josef Overbeck: Das Zweite Vatikanische Konzil und in dessen Umsetzung die Apostolische Konstitution „Spirituali militum curae“ sprechen von den besonderen Lebensumständen der Soldaten und Soldatinnen, die eine besondere Form der Seelsorge erforderlich machen. Gemeint sind spezifische Risiken physischer, psychischer und moralischer Natur, die den soldatischen Dienst charakterisieren. Soldaten müssen nicht nur das Risiko der eigenen Schädigung akzeptieren. Sie werden zudem mit Zerstörungen und Grausamkeiten konfrontiert und handeln in Krisen- und Gefährdungssituationen, in denen sie großen Belastungen ausgesetzt sind.

Die Soldatinnen und Soldaten sind freilich nicht nur mögliche Objekte militärischer Gewalt, sondern auch als Träger des staatlichen Gewaltmonopols deren Subjekte und so immer mit dem Risiko einer nicht gerechtfertigten oder eskalierenden Gewaltanwendung konfrontiert. In den vergangenen Jahren sind diese Risiken durch die Auslandseinsätze auch der Öffentlichkeit bewusst geworden.

Militärseelsorge begleitet mit vielfältigen Angeboten die Soldaten und ihre Familien in ihrer Lebenswelt und bietet ein Angebot an Lebenshilfe durch Gottesdienst, Verkündigung, kulturelle und soziale Diakonie. Die Akzeptanz dieser Arbeit ist bei sehr vielen – übrigens auch konfessionslosen – Soldaten und Soldatinnen sehr hoch. Auch der Staat anerkennt die Arbeit der Militärseelsorge, deren organisatorische Struktur er garantiert und fördert, um das verfassungsmäßig garantierte Recht auf ungestörte Religionsausübung der Soldaten sicherzustellen.

Nun hat sich zweifellos die religiöse Signatur Deutschlands und damit auch seiner Streitkräfte beträchtlich verändert. Zum einen wächst die Zahl nichtchristlicher, in erster Linie muslimischer Mitbürger, die in bescheiden wachsender Zahl in den Streitkräften ihren Dienst absolvieren, wie die Zahl derjenigen, deren Selbst- und Weltverständnis keinerlei Bezug auf die christliche Tradition mehr hat. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2013 für den Bereich der Bundeswehr ergibt folgendes Bild: Über die Hälfte der Soldatinnen und Soldaten (55 %) gehört zu einer der beiden großen christlichen Konfessionen in Deutschland: 32 Prozent sind evangelisch und 23 Prozent katholisch. Als islamisch, orthodox oder jüdisch bezeichnen sich insgesamt nur 0,8 Prozent der Soldatinnen und Soldaten. Der Anteil der Personen, die sich keinem religiösen Bekenntnis zuordnen, liegt bei 40 Prozent.

Es ist gegenwärtig nicht absehbar, welche Konsequenzen sich möglicherweise durch die veränderte religiöse Landschaft in Deutschland auf das Religionsrecht ergeben werden. Prognosen sind aber momentan auch müßig. Denn nicht zuletzt gilt: Die Sorge der Kirche für die Soldatinnen und Soldaten gründet in deren Nöten, nicht in der Anzahl katholischer Soldatinnen und Soldaten in den Streitkräften.

Das Interview führte Josef König.

Kommentar: Deutsch-polnische Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg

Ein Kommentar von Dr. Jörg Lüer, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Maximilian-Kolbe-Stiftung

Weitgehend verdeckt vom intensiven Gedenken aus Anlass des 100. Jahrestags des Beginns des Ersten Weltkriegs treten in Deutschland der 70. Jahrestag des Warschauer Aufstands sowie der 75. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs in den Hintergrund. In Polen wird dies mit einem gewissen Verständnis, aber zugleich auch nicht ganz ohne Sorge wahrgenommen. Dieses Gedenkjahr zeigt, wie sehr die Erinnerungskulturen in Deutschland und Polen nach wie vor verschieden sind, denn in Polen werden die beiden letztgenannten Ereignisse mit großer Sorgfalt erinnert.

Diese Verschiedenheit ist an sich kein Problem. Sie ist vielmehr ein Ausdruck der unterschiedlichen historischen Rollen, die Deutschland und Polen gespielt haben. Für die deutsch-polnischen Beziehungen ist es aber von großer Bedeutung, wie wir mit diesen Unterschieden gemeinsam umgehen. Denn die mit dem Zweiten Weltkrieg verbundenen Schuld- und Gewalterfahrungen wirken bis in die gegenwärtigen Sensibilitäten des deutsch-polnischen Verhältnisses nach. Blickt man auf die Entwicklung dieses Verhältnisses nach dem Zweiten Weltkrieg, so wird das atemberaubende Wunder der deutsch-polnischen Versöhnung deutlich. Niemand hätte sich 1945 vorstellen können, dass diese beiden Länder in guter Nachbarschaft verbunden gemeinsam am europäischen Haus bauen. Die Katholische Kirche in beiden Ländern hat viel zu dieser Erfolgsgeschichte beigetragen. Zu erwähnen sind der Briefwechsel der polnischen und deutschen Bischöfe 1965, Sühnewallfahrten des BDKJ (Bund der Deutschen Katholischen Jugend) und von Pax Christi nach Auschwitz, die Gründung des Maximilian-Kolbe-Werks und unzählige Initiativen, Begegnungen, praktischer Austausch.

Bischöfliche Kontakte vor 49 Jahren und heute

Die deutsch-polnische Versöhnung ist eine Erfolgsgeschichte. Allerdings bleibt sie – wie jede Versöhnung – eine von den Dämonen der Vergangenheit immer wieder bedrohte Geschichte. Ende der 90er Jahre konnten wir diese Tatsache an der verschiedenen Gründen geschuldeten Verschlechterung der deutsch-polnischen Beziehungen deutlich wahrnehmen. Die Macht der Geschichte über die Gegenwart nimmt in dem Maße zu, wie wir uns unserer unterschiedlichen historischen Prägungen nicht mehr bewusst sind. Diese Prägungen unterliegen im Ablauf der Generationen einem Wandel, aber man sollte sie keineswegs unterschätzen.

Vor diesem Hintergrund ist die Einladung der polnischen an die deutschen Bischöfe zu einer gemeinsamen Gedenkveranstaltung aus Anlass des Beginns des Zweiten Weltkriegs ein ermutigendes Zeichen der gewachsenen Gemeinsamkeit sowie des von beiden Seiten geteilten Bewusstseins, dass wir unser Zeugnis als Christen und Christinnen auf dem Boden schwieriger Erfahrungen abzulegen haben und es sich auch angesichts dieser Erfahrungen zu bewähren hat. Die Erfahrung, dass die Gewalt nicht dass letzte Wort haben muss und Gewaltüberwindung in erheblichen Maße möglich ist, stärkt die Hoffnung und das Vertrauen in einen Horizont des Gerechten Friedens. Die Art und Weise wie die Bischöfe den Gedenktag begehen, ist Ausdruck dieses Vertrauens.

Gemeinsames Gedenken

In der ehemals deutschen Stadt Gleiwitz wird eine gemeinsame Eucharistiefeier abgehalten. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Marx, wurde gebeten, in diesem Gottesdienst zu predigen, so wie es Kardinal Nycz (Warschau) aus vergleichbarem Anlass vor fünf Jahren in der Berliner Hedwigs-Kathedrale tat. Es sind nicht selten diese kleinen, unspektakulären Zeichen, die bedeutsam sind und die eine gute Normalität charakterisieren.

Der Eucharistiefeier folgt eine Statio am ehemaligen Sender Gleiwitz. Der vom Deutschen Reich fingierte Überfall auf diesen Sender wurde zum Vorwand für den Überfall auf Polen stilisiert. Die Statio wird gemeinsam mit den örtlichen Vertretern der evangelischen Kirche sowie der jüdischen Gemeinde gestaltet. Diese nachdenkliche Gemeinsamkeit auf schwierigem Grund bedarf heute keiner großen Gesten im deutsch-polnischen Verhältnis. Sie lebt vielmehr von einer stillen Achtsamkeit, in der der gegenseitige Respekt zum Ausdruck kommt. Es gehört sicherlich zu dieser Achtsamkeit, dass Kardinal Marx dieses Ereignis zum Anlass nimmt, um in Polen seinen Antrittsbesuch als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz zu machen. Bei dieser Gelegenheit wird er unter anderem das Museum des Warschauer Aufstands sowie das Grab von Józef Popieluszko besuchen.

                            

Kompass September 2014

Kompass_09_2014.pdf

In der Ausgabe 09/14 startet die neue Serie „Kompass Glauben“ mit dem grundlegenden Artikel über den Glauben, ohne den es nicht geht. Aktuelle Themen wie die Waffenlieferungen in den Irak, die Entscheidung über bewaffnete Drohnen, die Veränderungen in der Bundeswehr etc. nehmen breiten Raum ein. Wir schauen zurück auf einige Ereignisse des Sommers, Personalwechsel und auf den 11. September 2001 sowie voraus auf kommende Veranstaltungen, Buch-Neuerscheinungen und bereits auf die Familienferien 2015.

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KOMPASS September 2014

Der KOMPASS 09/2014 als Web-Paper