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"Aufstand des Gewissens und Aufstand des Militärischen"

Die Fahne der Katholischen Militärseelsorge an der Gedenkwand in Plötzensee
Die Fahne der Katholischen Militärseelsorge an der Gedenkwand in Plötzensee (Foto: KMS / Doreen Bierdel)

Gedenkveranstaltung der GKS und der Katholischen Militärseelsorge zum 70. Jahrestag des soldatischen Widerstandes vom 20. Juli 1944

Berlin, 18.07.2014. Zur Akademischen Feier im Gästehaus des Militärbischofs, zwei Tage vor dem eigentlichen Jahrestag, waren zahlreiche Gäste und einige Ehrengäste erschienen. Die beiden Einladenden – der Bundesvorsitzende der Gemeinschaft Katholischer Soldaten (GKS), Oberst Rüdiger Attermeyer, und der Generalvikar des Katholischen Militärbischofs, Msgr. Reinhold Bartmann – eröffneten sie und erklärten, wie es zu dieser dreigliedrigen Veranstaltung des Gedenkens gekommen war.

Die Teilnehmer der Akademischen Feier
Die Teilnehmer der Akademischen Feier (Foto: KMS / Doreen Bierdel)
Militärhistoriker Heinemann bei seinem Vortrag
Vor der Kranzniederlegung in Plötzensee (Foto: KMS / Doreen Bierdel)
Vor der Kranzniederlegung in Plötzensee
Generalvikar Bartmann und Militärdekan Schaller in der Gedenkkirche "Maria Regina Martyrum" (Foto: KMS / Doreen Bierdel)

Der Hauptredner, Oberst Prof. Dr. Winfried Heinemann, Chef des Stabes im Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw, Potsdam), referierte sehr anschaulich als Historiker und Soldat, zugleich auch als Katholik. Der Untertitel seines Vortrags zum Aufstand vom 20. Juli 1944 lautete: „Zu Motiven und heutigen Bewertungen des militärischen Widerstandes gegen Hitler“ Darin erläuterte er in zwei Schritten die professionellen und ethischen Motive für die Entscheidung der Soldaten zum Widerstand sowie das heutige Gedenken angesichts neuerer Forschungsergebnisse.

Kranzniederlegung in der Gedenkstätte Plötzensee

Anschließend begaben sich alle Teilnehmer zur Gedenkstätte Plötzensee, die „Den Opfern der Hitlerdiktatur der Jahre 1933–1945“ gewidmet ist. Militärdekan Bernd F. Schaller, Geistlicher Beirat der GKS, erinnerte daran, dass Gedenken Orte und Zeichen brauche. Danach verlas er die Namen der 96 Menschen, die im Zusammenhang mit dem soldatischen Widerstand durch die Nazis ermordet worden waren – die meisten im damaligen Strafgefängnis Plötzensee, einige noch am 20. Juli im Bendlerblock, dem heutigen Zweiten Dienstsitz der Bundesministerin der Verteidigung.

Nach Schweigeminute und Gebet wurden zwischen den Fahnen von Militärseelsorge und GKS drei Kränze niedergelegt: vom GKS Bundesvorsitzenden, vom Generalvikar des Katholischen Militärbischofs für die Deutsche Bundeswehr und dem Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages.

Gedenkgottesdienst

Die verbleibende Zeit wurde genutzt, um die Dauerausstellung im Hinrichtungsraum zu besichtigen, ehe ganz in der Nähe die abschließende Heilige Messe gefeiert wurde. In der Gedenkkirche der deutschen Katholiken, „Maria Regina Martyrum" zelebrierten Militärgeneralvikar Bartmann und Militärdekan Schaller gemeinsam die Eucharistie. Msgr. Bartmann lud nach einer kurzen Stille dazu ein, auf das Wort Gottes zu hören und ging in seiner Predigt auf das „Lied vom Gottesknecht“ und die Passion Christi ein.

"Aufstand des Gewissens und Aufstand des Militärischen" - Interview mit Oberst Prof. Dr. Winfried Heinemann

Militärhistoriker Heinemann bei seinem Vortrag (Foto: KMS / Doreen Bierdel)
Militärhistoriker Heinemann bei seinem Vortrag (Foto: KMS / Doreen Bierdel)
Fahne der GKS an der Gedenkwand (Foto: KMS / Doreen Bierdel)
Fahne der GKS an der Gedenkwand (Foto: KMS / Doreen Bierdel)
Der Hinrichtungsraum (Foto: KMS / Doreen Bierdel)
Der Hinrichtungsraum (Foto: KMS / Doreen Bierdel)

   

Schwieriges Gedenken. Vor 70 Jahren scheiterte Stauffenbergs Attentat auf Hitler

Von Christoph Arens (KNA)

Berlin (KNA) Von Desinteresse abseits des offiziellen Gedenkens ist die Rede. 70 Jahre nach dem Stauffenberg-Attentat vom 20. Juli 1944 interessiere sich kaum ein Deutscher für den Widerstand gegen Hitler, meint die frühere Bundestagspräsidentin Antje Vollmer. Am Umsturzversuch seien bis zu 1.500 Personen beteiligt gewesen. "Davon sind 180 hingerichtet worden. Vielen Deutschen fällt es heute schwer, auch nur fünf von ihnen aufzuzählen."

"Kinder und Witwen von Verrätern"

Jahrzehnte lang haben sich die Deutschen mit dem Gedenken an den Widerstand des 20. Juli schwer getan. Held oder Verräter? Im Westen dauerte es bis in die 50er Jahre, ehe der "Aufstand des Gewissens" öffentlich gewürdigt wurde. Angehörige mussten lange mit dem Vorwurf leben, sie seien Kinder und Witwen von Verrätern. In den 70er und 80er Jahren lautete dann der Vorwurf, der 20. Juli sei von einer Gruppe elitärer Adeliger und Militärs geplant worden, die die Nazis lange unterstützt hätten. Auch die Pläne für ein zukünftiges Deutschland hätten demokratischen Vorstellungen teils deutlich widersprochen.

Fest steht, dass Claus Graf Schenk von Stauffenberg (1907-1944) elitär dachte und kein Demokrat war. Aber im Gegensatz zu vielen anderen erkannte er Hitler als Massenmörder. Stauffenberg entstammte einem alten süddeutschen katholischen Adelsgeschlecht. Er wurde ein Anhänger des Dichters Stefan George, dessen Jünger von einem "Neuen Reich" träumten - einem Deutschland, das sich, geleitet von einer künstlerisch-geistigen Elite, aus den Ruinen der gescheiterten Demokratie erheben sollte, wie der Historiker Ian Kershaw schrieb.

Büste von Claus Graf Schenk von Stauffenberg, Frank Mehnert 1930, Foto von Adam Carr (Wikimedia: gemeinfrei)
Büste von Claus Graf Schenk von Stauffenberg, Frank Mehnert 1930, Foto von Adam Carr (Wikimedia: gemeinfrei)
Mitverschwörer Friedrich Olbricht, mit Stauffenberg ermordet am 21. Juli 1944. (Foto: Bundesarchiv, Bild 146-1981-072-61, Lizenz CC-BY-SA)
Mitverschwörer Friedrich Olbricht, mit Stauffenberg ermordet am 21. Juli 1944. (Foto: Bundesarchiv, Bild 146-1981-072-61, Lizenz CC-BY-SA)
Friedrich Fromm (Foto: Bundesarchiv, Bild 146-1969-168-07, LizenZ CC-BY-SA)
Friedrich Fromm (Foto: Bundesarchiv, Bild 146-1969-168-07, LizenZ CC-BY-SA)

Stauffenberg machte standesgemäße Offizierskarriere. Wie viele andere Soldaten forderte er, dass Deutschland vom "Versailler Diktat" befreit werden müsse. Hitlers Kriegskurs und die Judenpogrome im November 1938 sorgten aber dafür, dass seine Abscheu gegenüber den Nazis wuchs. Zwar lie-ßen die schnellen Siege der Wehrmacht über Polen und Frankreich seine Meinung zwischenzeitlich schwanken. Angesichts der großen Verluste im russischen Winter 1941/42 und der Augenzeugenbe-richte über Massaker an den Juden wuchs aber die Überzeugung, dass Hitler Deutschland in die Katastrophe führte. "Derjenige, der etwas zu tun wagt, muss sich bewusst sein, dass er wohl als Verräter in die deutsche Geschichte eingehen wird", beschrieb Stauffenberg seine eigene Tragik. "Unterlässt er jedoch die Tat, dann wäre er ein Verräter vor seinem eigenen Gewissen."

Im Frühjahr 1943 wurde Stauffenberg in Nordafrika schwer verwundet. Nach seiner Genesung wurde er ins Kriegsministerium in Berlin versetzt - und damit zu einer zentralen Persönlichkeit der Widerstandsbewegung. Als er am 1. Juli 1944 zum Stabschef beim Befehlshaber des Ersatzheeres er-nannt wurde und damit Zugang zu Hitlers militärischen Einsatzbesprechungen erhielt, wuchs er auch in die Rolle des Attentäters hinein. Drei Mal schmuggelte er vergeblich einen Sprengsatz in die La-gebesprechungen mit Hitler. Am 20. Juli 1944 explodierte dann die Bombe unter dem massiven Eichentisch in der "Wolfsschanze" in Ostpreußen. Hitler überlebte leicht verletzt.

Radikalisierung des Regimes

Zentrales Problem des Umsturzplanes war, dass Stauffenberg nicht nur das Attentat ausführen, sondern anschließend von Berlin aus auch die weiteren Maßnahmen zur "Operation Walküre", leiten musste. Es gelang nicht, die Kommunikationskanäle zu blockieren. Gegenmaßnahmen rollten an. Kurz nach Mitternacht hielt Hitler eine Radio-Ansprache, um Gerüchten über seinen Tod ein Ende zu machen. Eine "ganz kleine Clique ehrgeiziger, gewissenloser und zugleich verbrecherischer" Offiziere habe ihn töten wollen.

Generaloberst Friedrich Fromm, ein Mitwisser, ließ Stauffenberg und einige andere führende Köpfe des Coups verhaften. Kurz nach Mitternacht wurde er im Hof des Bendlerblocks vor ein Exekutionskommando gestellt. Nach und nach wurden viele Verschwörer verhaftet und in Schauprozessen zum Tode verurteilt. Krieg und Terror gingen verschärft weiter. Das NS-Regime radikalisierte sich noch einmal - bis zur totalen Katastrophe. Im letzten Kriegsjahr erlitt die Wehrmacht ebenso hohe Verluste wie in allen Kriegsjahren zuvor.

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Fragen an den Wehrbeauftragten

Kranz in den Farben Deutschlands
Kranz in den Farben Deutschlands (Foto: KMS / Doreen Bierdel)

Am Rande der Veranstaltung, bei der Hellmut Königshaus ebenfalls einen Kranz in den Farben der Bundesrepublik Deutschland niederlegte, zog der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages einige Vergleiche zwischen dem Widerstand im Dritten Reich und der heutigen Bundeswehr:

„Der Vortrag von Oberst Winfried Heinemann erschien mir sehr passend: Er rückte einige Mythen aus historischer Sicht ins rechte Licht. Zugleich brachte er trotzdem im Ergebnis Anerkennung für die Offiziere des 20. Juli, weil er viele Aspekte der damaligen Situation mit bedachte.“ Der Wehrbeauftragte zog sodann eine Linie von der Entscheidung eines christlichen Soldaten damals – dass der Tyrannenmord ethisch erlaubt oder sogar geboten sein kann –, zu der heutigen Drohnen-Problematik. Für ihn könne die Antwort, ob Töten unter ethischen Gesichtspunkten nach gründlicher Abwägung zulässig sei, durchaus „Ja“ lauten. In der Regel sei die Entscheidung nicht einfach zwischen böse und gut zu treffen, sondern zumeist z. B. zwischen „schlecht“ und „weniger schlecht“. Hellmut Königshaus: „Das sogenannte biblische Tötungsverbot ist nach meinem Verständnis ja eher zu übersetzen mit: ‚Du sollst nicht morden!‘“

Abgewogene Entscheidungen

So wie damals Oberst Stauffenberg und die anderen Soldaten im Widerstand damit rechnen mussten, dass auch Unbeteiligte zu Schaden kommen – wie es bei der Bombenexplosion in der Wolfsschanze tatsächlich der Fall war –, so sei dies auch bei Kämpfen heute nicht völlig auszuschließen.

Hellmut Königshaus, Veranstalter und Ehrengäste
Hellmut Königshaus, Veranstalter und Ehrengäste (Foto: KMS / Doreen Bierdel)

Besonders beeindruckte Hellmut Königshaus der im Vortrag zitierte Potsdamer Henning von Tresckow: „Das Attentat auf Hitler muss erfolgen … Sollte es nicht gelingen, so muss trotzdem der Staatsstreich versucht werden.“ Die Attentäter hätten 1944 sicher vieles erwogen, nicht aber nur an sich selbst gedacht oder daran, sich reinzuwaschen, sondern hätten ihre Überzeugung und die Nachwelt hoch geachtet.

Putsch durch die Bundeswehr?

Zu der Frage, ob die Hervorhebung des „soldatischen Widerstandes“ bei den Gedenkfeiern zum 20. Juli nicht die Gefahr berge, die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr zum Ungehorsam zu animieren, gab der Wehrbeauftragte Königshaus eine klare Antwort. Durch das Soldatengesetz und die Innere Führung werde schon seit Jahrzehnten gelehrt und vermittelt, dass es Befehle – etwa gegen die Menschenrechte und -würde – gibt, die nicht nur nicht befolgt werden müssen, sondern die gar nicht ausgeführt werden dürfen. Ein Missbrauch dieser Grundsätze aus dem Geist des 20. Juli sei immer möglich, die Grenze werde dabei durch das Gewissen des Einzelnen festgelegt.

Kranzniederlegung (v. r. n. l.): Wehrbeauftragter Königshaus, Generalvikar Bartmann, Oberst Attermeyer
Kranzniederlegung (v. r. n. l.): Wehrbeauftragter Königshaus, Generalvikar Bartmann, Oberst Attermeyer (Foto: KMS / Doreen Bierdel)

Das Bundesverfassungsgericht habe bei seiner Entscheidung vor wenigen Jahren, dass entführte Passagierflugzeuge nicht abgeschossen werden dürfen, wenn dadurch Unbeteiligte zu Schaden kommen – selbst wenn dadurch die Gefahr für viele andere abgewendet werden könne –, Wert darauf gelegt, dass man Menschenleben nicht gegeneinander aufrechnen dürfe. „Wie es den alten Grundsatz gibt: ‚Iudex non calculat.‘ (Ein Richter rechnet nicht.), bin ich auch überzeugt: ‚Deus non calculat.‘ (Gott berechnet nicht.)“, so der Wehrbeauftragte. „Die Situation des 20. Juli war aber eine andere, denn damals ging es nicht darum, ein Symptom zu bekämpfen, sondern das Böse des Nationalsozialismus selbst. Das ist eben jene Zone, in der man nichts wirklich richtig machen kann, aber versuchen muss, es möglichst wenig schlecht zu tun.“

In diesem Zusammenhang wies Königshaus einerseits auf die Notwendigkeit zur ethischen Bildung der Soldatinnen und Soldaten hin, andererseits auf die Möglichkeit des legalen Widerstandes. Dies sei einer der großen Unterschiede zwischen der Wehrmacht damals und der Parlamentsarmee Bundeswehr heute, dass gegen Vorgesetzte bis hin zum Inhaber der Befehlsgewalt – wenn nötig – mit juristischen Mitteln und auch mit direkten Eingaben an das Amt des Wehrbeauftragten vorgegangen werden könne. Und schließlich sei heute die öffentliche Kontrolle, etwa durch den Bundestag, viel ausgeprägter.

Jörg Volpers