Sie sind hier: Kompass@ / Schwerpunkte / Katholikentage

Haben Katholikentage noch eine Zukunft?

Quelle: kna / Bild

Vom 28.5. bis 1.6.2014 findet in Regensburg der 99. Deutsche Katholikentag statt. Hat sich diese Veranstaltungsform seit der ersten „Generalversammlung“ 1848 nicht totgelaufen oder inzwischen aufgebläht?

Auch Soldaten und die Katholische Militärseelsorge werden sich in diesem Jahr wiederum beteiligen; dennoch ist zwei Jahre vor dem 100. Katholikentag in Leipzig eine kritische Betrachtung erforderlich. Diese wird aus Sicht eines Historikers, eines Journalisten und einer Politikerin durch Prof. Winfried Becker, Dr. Ulrich Ruh und Dr. Claudia Lücking-Michel (MdB und ZdK-Vizepräsidentin) vorgenommen. Aktuelle Veranstaltungstipps für Regensburg runden am Ende der Ausgabe 05/14 das Schwerpunktthema ab.

Grundsatz: Wirklichkeit und An­spruch von Kirchentagen

Sind Katholikentage noch ein zeitgemäßes Format, um den eigenen Anspruch auf Gestaltung von Kirche, Politik und Gesellschaft zu realisieren?

von Prof. em. Dr. Winfried Becker, „Neuere und Neueste Geschichte“ an der Philosophischen Fakultät der Universität Passau

Die deutschen Katholikentage haben heute eigentlich noch das gleiche Programm wie bei ihrer Gründung im Revolutionsjahr 1848. Sie repräsentieren die katholische Kirche im öffentlichen Raum und dienen zugleich der inneren Stärkung und Sammlung der Gläubigen, vor allem der Laien, die mitten in den Herausforderungen der Welt stehen. Ihr öffentliches Auftreten war zur Zeit ihres Entstehens freilich nicht so selbstverständlich wie im demokratischen Staat des Grundgesetzes. Die katholische Kirche litt unter dem Staatskirchentum der Restaurationszeit und war vielerlei Beschränkungen unterworfen. Aber auch die verfassungspolitische und staatsbürgerliche Entwicklung steckte in einem Modernisierungsstau.

Es waren Vertreter des erstmals in Frankfurt am Main tagenden deutschen Parlaments, der ersten Landesparlamente und eines neu beginnenden katholischen Vereinslebens, besonders der Piusvereine, die sich Anfang Oktober 1848 in Mainz trafen. Sie forderten Freiheit für die Kirche, dies aber in dem weiter gefassten Rahmen der damals allgemein erstrebten, der sogenannten bürgerlichen Freiheiten: der Versammlungs-, Vereins-, Unterrichts- und Pressefreiheit. Doch nahm der frühe Katholizismus in den großen Streitfragen der liberalen Verfassungsbewegung eine eher neutrale Stellung ein. Er wollte nicht die Throne stürzen, sondern trug seine spezifischen Forderungen vor, die „um eine Revitalisierung von christlicher Gesinnung und Gesittung“ (Helmut Mathy) kreisten. Auf dem Mainzer Katholikentag von 1851 entfaltete Adolph Kolping sein Programm: Lehrlinge, Gesellen, Handwerker und Arbeiter auf der Grundlage ihres Glaubens in geselligen Verbindungen zu vereinigen, um sie charakterlich und religiös für die Auseinandersetzung mit einer fremden und säkularisierten Umwelt zu festigen. Während der 1850er und 1860er Jahren widmeten sich die „Generalversammlungen des katholischen Vereins“ weiter der Arbeiterfrage, für die sich wortgewaltig der Mainzer Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler einsetzte, mehr aber den kulturpolitischen Aufgaben. Diese bestanden vor allem in der Förderung der katholischen Presse und Vereinsbildung, der Stärkung der christlichen Bildung, Erziehung und Caritas. Als unerlässliche Voraussetzung dafür galt das freie Wirken der Kirche.

Das Gründungsjahrhundert – 1848 und seine Folgen

Man versteht die weitere Geschichte der Katholikentage nur dann, wenn man sie vor dem Hintergrund der politischen Verhältnisse ihrer Zeit betrachtet. Mehr als seine Vorgänger war das 19. Jahrhundert von starken Tendenzen allgemeiner Säkularisierung, einer Verweltlichung auf vielen Lebensgebieten, besonders in der Wissenschaft und im Berufsleben, durchzogen. Ein Weiteres kam hinzu: Durch die deutschen Einigungskriege, die Habsburg-Österreich vom nationalen Staatsgebiet ausschlossen, wurde der Protestantismus zur herrschenden Mehrheitskonfession im Kaiserreich; der Hohenzollernstaat Preußen übernahm die Vorherrschaft. Unter dem Eindruck staatlicher Repression im heraufziehenden Kulturkampf ließ die „Generalversammlung der katholischen Vereine“ Deutschlands 1872 politische Erörterungen in ihrer Satzung zu und benannte sich um in „Generalversammlung der Katholiken Deutschlands“, um einem eventuellen Vereinsverbot zu entkommen. Die Katholikentage setzten sich nun für die Restitution des Kirchenstaats und die Wiedergewinnung der kirchlichen Freiheit in Deutschland ein. Das waren Forderungen, die auch die Deutsche Zentrumspartei vertrat, deren katholische Abgeordnete die Beteiligung an der parlamentarischen Debatte im Reichstag und in den Landtagen gerade in der Zeit der Verfolgung als Christenpflicht ansahen.

Nach dem Kulturkampf glichen die Katholikentage „Herbstparaden“ oder „Herbstmanövern“ des Zentrums. Hier trat der berühmte Abgeordnete und Gegner Bismarcks, Ludwig Windthorst, auf und wurde immer wieder umjubelt, wenn er seine zündenden Sammlungsparolen ausgab und Parität für die Katholiken im kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Leben der Nation forderte. Die Bewahrung der eigenen Identität und die Stärkung des eigenen Milieus, eine opferbereite, ehrenamtliche und höchst wirkungsvolle Organisation, doch auch die zunehmende Bereitschaft zur Integration ins Kaiserreich kennzeichneten nun die Strategie der Katholikentage. Erhalten blieb die sichtbare Übereinstimmung zwischen dem Klerus- und dem Laienelement, das den Schulterschluss mit den Geistlichen suchte und traditionell die Kompetenzen der kirchlichen Leitungsgremien achtete.

Im 20. Jahrhundert

Während der Weimarer Republik wurden die Katholikentage egalitärer. Reden und Predigten wirkten mehr in die Breite, die Versammlungen der vielen einzelnen Vereine mit ihren besonderen Satzungen und Zwecken verloren an Bedeutung. Modernisierend wirkten die Verlegung der schon aus der Vorkriegszeit bekannten Massenkundgebungen ins Freie und die Rundfunkübertragungen. 1932 nahmen in Essen 250.000 Katholiken am Abschlussgottesdienst unter freiem Himmel teil. Die Katholikentage wurden nun jeweils unter ein religiöses Motto gestellt, die kirchliche Hierarchie beteiligte sich jetzt zahlreich. Der monarchistisch gesinnte Münchner Erzbischof Michael von Faulhaber problematisierte die Teilnahme von katholischen Politikern und Parlamentariern, die vordem selbstverständlich und hoch erwünscht gewesen war. Er lieferte sich mit Konrad Adenauer 1922 einen Schlagabtausch über die Akzeptanz der demokratischen Weimarer Republik, die der damalige Kölner Oberbürgermeister und spätere Bundeskanzler kämpferisch bejahte.

Die stärkere Betonung ihres religiösen Charakters rettete die Katholikentage nicht vor der Suspension durch das nationalsozialistische Regime. Der 72. Katholikentag in Mainz 1948 betrat das neue Terrain der zweiten deutschen Demokratie. Seine Resolutionen behandelten ein breites, noch teils aus der Überlieferung schöpfendes Spektrum: die soziale Not der Zeit, vertieft aufgegriffen in Bochum 1949, die Verantwortung der Gläubigen und der Kirche in der Welt, die Ehe und Familie, die Jugend und die Frauen, die katholische Presse und die internationale Kooperation. Hatten die Katholiken ehedem als Staatsbürger zweiter Klasse gegolten, so rückten sie nun auch mit ihrer öffentlichen Repräsentation mehr in die Mitte der Gesellschaft. Dieses Integrationsphänomen hatte auf die Dauer eine innere Pluralisierung der Kräfte und Gruppen zur Folge, die allerdings mutatis mutandis schon den ersten Zusammenkünften nicht fremd gewesen war.

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Die politischen Implikationen waren aber auch in der friedlichen zweiten deutschen Nachkriegsgesellschaft vorhanden. Schon von ihrer Entstehung her waren die Katholikentage gesamtdeutsche Veranstaltungen gewesen, ja sie begriffen ursprünglich noch Österreich-Ungarn ein. Vor der Reichseinigung waren gut besuchte Versammlungsorte Wien (1853, geplant 1933), Salzburg (1857), Prag (1860), Linz in Oberösterreich (1850, 1856) und Innsbruck (1867). 1952 und 1958 gelang es noch, die Katholikentage nach Berlin zu verlegen und damit „eine Klammer zwischen Ost und West“ zu bilden (Heinz Hürten), während man sonst eine größere katholische Stadt aus dem Westen oder Süden Deutschlands als geeignetsten Versammlungsort ansah. Am häufigsten frequentiert wurden Mainz, München, Breslau, Freiburg im Breisgau, Köln, Düsseldorf, Aachen, Münster und Frankfurt am Main. Neben der Frage der Erhaltung der nationalen Einheit spielten die europäische Einigung, aber auch ein so kontroverses Thema wie die Nachrüstung (1982) eine Rolle auf den neu gebildeten Diskussionsforen der Katholikentage.

Im Ganzen war nun eine paradoxe Entwicklung zu beobachten, die tatsächlich eine zunehmende Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit andeutete. Die deutschen Bischöfe ersetzten 1952 das bisher fluktuierende, aus der Mitte der Generalversammlungen gewählte Zentralkomitee durch das von ihnen stärker abhängige Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Sie gedachten so die kirchliche Autorität und das Laienapostolat zu stärken, eine im Blick auf das „Missionsland“ Deutschland verständliche Maßnahme zur Selbstbehauptung. Auf der anderen Seite wurde, ganz anders als in früheren Jahrzehnten, die Auseinandersetzung häufig nicht mehr mit einer feindlichen Umwelt geführt, sondern in die Kirche selbst hineingetragen. Vertreter eines selbsternannten „kritischen Katholizismus“ stellten auf dem Essener Katholikentag von 1968 ostentativ kirchliche Lehrmeinungen in Frage. Prominente Laien hielten es um der Glaubwürdigkeit der Kirche willen für unerlässlich, die Anpassung an allgemein akzeptierte Entwicklungen der Gesellschaft vorzunehmen und endlich der Mündigkeit der Laien und der inneren Demokratisierung der Kirche den verdienten Raum zu geben. Die positive Aufbruchstimmung des Zweiten Vatikanischen Konzils wich der Bereitschaft, innere Differenzen öffentlich zur Sprache zu bringen. Damit hielt ein gesellschaftlicher Pluralismus Einzug in die Katholikentage und in die Selbstrepräsentation der deutschen Katholiken, schwächte aber auch ihre Aussagekraft nach außen.

Und heute?

Im heutigen Zeitalter der Globalisierung sollte man keine allzu große Ehrfurcht vor den Zaunpfählen deutscher Befindlichkeiten entwickeln. Was hierzulande neuerdings als westliche Werte verkauft wird, ist in weiten Teilen der außereuropäischen Welt keineswegs mehrheitsfähig. Das Gleiche gilt für den in Europa und Nordamerika weithin zur Herrschaft gelangten Säkularismus, der die christliche Religion am liebsten nur noch als der Überwindung werte Randerscheinung dulden möchte und verkennt, wie sehr andere Religionen ihre Anhängerschaften – auf für uns teils unakzeptable Weise – festigen und ausbreiten, jedenfalls an Rückzug nicht denken. Warum nicht ein Proprium verteidigen, das zur Vorbedingung die Entwicklung jener freiheitlichen Gesellschaft hat, die es in ihren bewährten Lebensformen selbst mit heraufführte und gestaltete? Auch hat die Kommunikationsform persönlicher Begegnung auf großen Zusammenkünften sicherlich Zukunft, wie schon die Ausbreitung der Event-Kultur zeigt. Allerdings haben sich die Katholikentage von solchen modernen Phänomenen, vor denen sie als Massenkundgebungen sogar eine zeitliche Priorität beanspruchen dürfen, durch den Grad ihrer Verbindlichkeit und ihres in festen Überzeugungen wurzelnden, dauerhaft Gemeinschaft bildenden Konsenses unterschieden.

Interview mit Dr. Ulrich Ruh, Chefredakteur der Herder Korrespondenz

„Trotzdem würde ich das Experiment Katholikentag fortsetzen, zumal ich mir vom Katholikentag in Leipzig 2016 einiges verspreche.“

 

 

Kompass: Können Sie sich noch an Ihren ersten Katholikentag erinnern, an dem Sie teilgenommen haben? Wann und wo fand er statt und wie lautete das Motto für den damaligen Katholikentag? Was hat Sie damals am Programm überzeugt?

Dr. Ulrich Ruh: Den Katholikentag 1978 in „meiner“ Bischofsstadt Freiburg habe ich nur als Zaungast erlebt. Ich war damals noch Assistent an der Theologischen Fakultät bei Prof. Karl Lehmann und war nicht zum Katholikentag angemeldet. Mich hat einerseits der gewaltige Umtrieb jener Tage ein wenig gestört, andererseits schlug mich die fröhlich-jugendliche Atmosphäre – verbunden mit dem prächtigen Herbstwetter – durchaus in den Bann. Indirekt beteiligt war ich insofern, als ich das Katholikentagsreferat des spanischen Theologen Olegario González de Cardedal ins Deutsche übersetzt hatte – er war wie Karl Lehmann Mitglied der Internationalen Theologenkommission.

Mein erster richtiger Katholikentag war dann Berlin 1980. Ein Jahr zuvor war ich in die Redaktion der Herder Korrespondenz eingetreten und hatte die Aufgabe, das Berliner Treffen zu beobachten, um anschließend darüber einen Artikel für unsere Zeitschrift zu schreiben. Berlin hatte das einigermaßen fromme und pathetische Motto „Christi Liebe ist stärker“. Im Gedächtnis sind mir weniger einzelne Veranstaltungen geblieben als die Atmosphäre. Wieder war das Treffen vor allem von der Jugend geprägt; zudem war ich erst zum zweiten Mal im Leben in West-Berlin und damit in einer richtigen Großstadt. Es war auch spannend, bei dieser Gelegenheit Journalistenkollegen kennenzulernen: Ich war ja damals ein „Youngster“, der das Handwerk erst noch lernen musste und sich mit entsprechendem Eifer ins Geschehen stürzte. Besonders intensiv habe ich in Berlin den Samstagabend mit dem großen Treffen auf dem Kudamm erlebt; es war richtig schön, viele Leute zu treffen und in den Betrieb einzutauchen.

Thematisch war mein erster Evangelischer Kirchentag spannender, den ich 1979 in Nürnberg für die Herder Korrespondenz beobachten durfte. Die doch in mancher Hinsicht fremde konfessionelle Kultur mit ihren Liedern und Bibelarbeiten bedeutete für mich eine Herausforderung, an der ich mich abarbeiten konnte – und musste, denn ich hatte ja einen Artikel zu verfassen! Ich war auch in der Folgezeit einer der wenigen Kirchenjournalisten, die sowohl Katholikentage wie Kirchentage begleiten konnten und damit ständig die vergleichende Perspektive hatten. Sie hat mich in meinem ganzen Berufsleben geprägt und ich habe von ihr ungeheuer viel profitiert, gerade als ein in der Wolle gefärbter Katholik aus dem Schwarzwald.

Kompass: Das Programm für den diesjährigen 99. Deutschen Katholikentag in Regensburg umfasst ca. 600 Seiten. Damit steht es dem Programm einer großstädtischen Volkshochschule nicht nach und es ist – blättert man es durch – fast für jeden Katholikentagsteilnehmer „was drin“. Meinen Sie, dass damit der deutsche Katholizismus glänzen kann?

Dr. Ulrich Ruh: Das Programm des Regensburger Katholikentags ist nach dem gleichen Grundmuster gestrickt wie das aller Katholikentage, die ich in den letzten Jahrzehnten miterleben und journalistisch verarbeiten durfte. Zum einen ist das Programm immer ein Kompromiss zwischen den Vorstellungen des gastgebenden Bistums und denen des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), die ja den Katholikentag zusammen veranstalten. Das Regensburger Programm spiegelt so das Bistum wider: Es ist fast rein katholisch (von wenigen Landstrichen an seinem Nordrand abgesehen) und umfasst neben der kleinen Großstadt Regensburg mit ihren architektonischen Schätzen vor allem ländliche Regionen. Bis in die Titelformulierungen vieler Veranstaltungen ist so auch zu spüren, dass die katholische Welt im Bistum noch recht intakt ist. Vieles wirkt einigermaßen harmlos oder auch solide-bodenständig.

Zum anderen ist auch das Regensburger Programm so reichhaltig, weil auch diesmal so viele katholische Gruppierungen und Verbände in die Vorbereitung eingebunden waren. Sie alle bringen ihre Schwerpunkte und Interessen mit ein, so dass das Katholikentagsprogramm zu einer Art „Who is Who“ des katholischen Deutschland wird. Deshalb bietet sich auch jedem Besucher die Möglichkeit, vor allem die Angebote seines Verbands oder seiner Institution wahrzunehmen. Das Ganze kann allerdings leicht wie ein bloßes Sammelsurium erscheinen, das niemanden wirklich aufregt.

Der deutsche Katholizismus kann mit seinen Katholikentagen nicht stärker glänzen als das, was er im Normalbetrieb bietet – und das ist ziemlich unspektakulär. Er kennt wenige intellektuelle Highlights und ist im öffentlichen Leben höchstens am Rand präsent. Es wird viel solide Alltagsarbeit geleistet, in Pfarreien und Verbänden, von Priestern und haupt- wie ehrenamtlichen Laien. Durch die Ballung entsprechender Angebote bilden Katholikentage zwar eine Art Ausnahmezustand, aber sie können das Gebilde katholische Kirche in Deutschland nicht grundsätzlich anders darstellen, als es in Wirklichkeit ist: Eine Mischung aus kleinen Aufbrüchen und großen Frustrationen, Routine und spirituellen Höhepunkten.

Kompass: Katholikentage erheben für sich den Anspruch, Kirche, Politik und Gesellschaft in Deutschland mitgestalten zu wollen. Wie steht um den eigenen Anspruch? Wie nehmen Sie die Katholikentagswirklichkeit wahr und worin liegen Perspektiven für einen Katholikentag der Zukunft?

Dr. Ulrich Ruh: Katholikentage waren jeweils dann und nur dann im Vollsinn öffentliche Ereignisse, wenn sie das Ohr am Puls der Zeit hatten, Botschaften in wichtigen Gegenwartsfragen zu formulieren versuchten. Dafür stehen beispielhaft der Katholikentag von 1982 in Düsseldorf und der von 1994 in Dresden. Das Düsseldorfer Treffen fand in der heißen Phase der Auseinandersetzung um die „Nachrüstung“ mit nuklearen Mittelstreckenwaffen statt. Für die evangelische Kirche in Deutschland brachte die Friedensbewegung eine Zerreißprobe, die nicht zuletzt auf dem Hamburger Kirchentag von 1981 ihren Niederschlag fand. In dieser auch für die katholische Kirche angespannten Situation versuchte der Katholikentag 1982 eine Position der deutschen Katholiken zur Frage von Nachrüstung und Friedenssicherung zu artikulieren und die divergierenden Auffassungen im Kirchenvolk möglichst zusammenzuhalten.

Dresden 1994 war dann das erste kirchliche Großtreffen in den neuen Bundesländern nach der Wende und der deutschen Wiedervereinigung; der Katholikentag war schon als solcher ein deutliches Zeichen dafür, dass die Katholiken die deutsche Einheit zu ihrer Sache machten und auch ihren Beitrag zur Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit leisten wollten. Dass man trotz noch unzulänglich ausgebauter Verkehrswege und beschwerlicher Infrastruktur in die neuen Bundesländer ging, empfanden die Besucher des Katholikentags wie die Öffentlichkeit als ausgesprochen mutig. Die großartige Aufführung der „Marienvesper“ von Claudio Monteverdi in der barocken Dresdner Hofkirche während des Katholikentags werde ich nie vergessen! Andererseits verpufften die Katholikentage von 1992 in Karlsruhe und 2006 in Saarbrücken mehr oder weniger mit ihrem Schwerpunkt Europa. Es zeigte sich, dass beste Absichten der Veranstalter dann ins Leere laufen, wenn es bei den engagierten Katholiken selber an Begeisterung für das Thema fehlt – das war natürlich im Fall Europa, einem traditionell genuin katholischen Anliegen, durchaus eine schmerzliche Erfahrung. Aber die Besucher lassen sich ein Thema nicht aufzwingen.

Für die Katholikentage der Zukunft habe ich keine Perspektiven anzubieten. In der Vorbereitung und Durchführung sind Katholikentage ungemein aufwändig – ich weiß, wovon ich rede, weil ich beim Katholikentag 2012 in Mannheim in einer Vorbereitungsgruppe mitgearbeitet habe. Es stellt sich schon die Frage nach dem Verhältnis von Aufwand und Ertrag. Trotzdem würde ich das Experiment Katholikentag fortsetzen, zumal ich mir vom Katholikentag in Leipzig 2016 einiges verspreche. Der Katholikentag ist ein Spezifikum der katholischen Kirche in Deutschland; in anderen europäischen Ländern kennt man höchstens einzelne vergleichbare Großtreffen. Deshalb entscheidet sich an der Zukunft der Katholikentage auch ein Stück weit die Zukunft des eigengeprägten deutschen Katholizismus. Ich bin gespannt!

Das Interview führte Josef König.

Zum Autor: Ulrich Ruh, Chefredakteur der Herder Korrespondenz, Dr. theol., geboren 1950 in Elzach (Schwarzwald). Studium der Katholischen Theologie und Germanistik in Freiburg und Tübingen. 1974–1979 Wiss. Assistent bei Prof. Karl Lehmann in Freiburg. 1979 Promotion. Seit 1979 Redakteur der Herder Korrespondenz; seit 1991 Chefredakteur.

Kommentar: Katholiken­tage: Anspruch, Wirklichkeit und Perspektive

Bedarf es weiterhin noch Katholikentage?

Ein Kommentar von Claudia Lücking-Michel MdB

Auf die provokante und kurze Frage „Bedarf es weiterhin noch Katholikentage?“ gebe ich eine noch kürzere Antwort: „Ja“. Das mag für Sie als Leserinnen und Leser nicht überraschend sein, überraschender ist allerdings die Fragestellung an sich. Wenn man die Katholikentage generell in Frage stellen würde, zweifelt man dann nicht auch am Sinn öffentlicher Debatten? Denn ist es nicht gerade die Tradition der offenen Aussprache, die Lust an der regen Diskussion, die in unseren Katholikentagen so lebendig gewachsen ist?

Auch in Regensburg werden wir wieder miteinander ins Gespräch kommen – und zwar überall in der Stadt, in den engen Gassen und auf dem groben Kopfsteinpflaster, kurz gesagt: bei den Menschen. Und dabei entsteht ein lebendiges, anschauliches Stück Kirche, ein Stück, das ich persönlich nicht missen möchte.

Katholikentage waren und sind Ausgangspunkte der kirchlichen und gesellschaftlichen Erneuerung. Das war beim ersten deutschen Katholikentag 1848 so. Und es wird hoffentlich auch beim 99. Katholikentag in Regensburg so sein. Diese traditionsreichen Veranstaltungen sorgten dafür, dass die Kirche dialogoffener wurde, Bischöfe und Laien einander näher kamen; gemeinsam wurde nach Wegen der Verwirklichung kirchlicher Reformen und der Umsetzung des christlichen Weltauftrags gesucht. Auch für die Ökumene bot der Katholikentag immer neue Impulse. Es wurde klargestellt: Ökumene der Lehre und Ökumene des Lebens gehörten zusammen – eines galt nicht mehr vor dem anderen.

Brücken bauen

„Mit Christus Brücken bauen“, lautet das Motto des diesjährigen Deutschen Katholikentages. Es ist ein gut gewähltes Motto. Nicht nur, weil zum Regensburger Stadtbild klassisch die Brücken gehören; sondern auch, weil es ein bildgewaltiges Leitmotiv heraufbeschwört: Mit Brücken lassen sich Abgründe und Flüsse überwinden, lassen sich Wege verkürzen oder sicherer machen. Brücken erschließen uns Neuland. Brücken ermöglichen die Begegnung von Menschen, sie fördern den Austausch von Wissen und Waren. Wer über Brücken geht, ist offen für Anderes und Neues, es erschließen sich ihm neue Horizonte. Aber ein Brückenbau birgt auch Risiken. Jenseits einer Brücke begibt man sich ins Ungewisse, dort kann man auf Unbekanntes und Fremdes treffen.

Auch die Soldatinnen und Soldaten unserer Bundeswehr bauen während ihrer Auslandseinsätze Brücken. Und dies meine ich nun erneut auch bildlich. Sie tragen Verantwortung, sie schützen die Ausgegrenzten, die Überforderten, die Benachteiligten. Unsere Soldatinnen und Soldaten setzen sich ein und streiten für menschenwürdigere Bedingungen weltweit. Brücken zu bauen ist somit nichts für Ängstliche und Verzagte. Wer Angst vor Anderem und Anderen, vor ihren Ansichten und ihren Fragen hat, der sollte sich von Brücken fernhalten. Daher gilt mein Dank an dieser Stelle den Soldatinnen und Soldaten, die für uns alle in schwierigen und gefährlichen Regionen der Welt den Menschen eine Hand reichen und somit tatsächlich Brücken schaffen.

Für eine lebendige Gesellschaft wie die unsere ist es darüber hinaus wichtig, Brücken für die Zukunft zu bauen. Schon ein Blick in das Programm des diesjährigen Katholikentages macht deutlich, dass man sich den großen Herausforderungen stellen will. Die Bandbreite der Fragestellungen reicht von der Problematik einer gerecht zu gestaltenden Energiewende bis zu der Frage, wie eine nachhaltige Entwicklung in den Ländern des Südens gestaltet werden muss. Es tut gut, wenn solche Themen nicht nur von Fachpolitikern und Experten diskutiert werden, sondern von einer breiten Bevölkerungsschicht unserer Gesellschaft.

Politik und Gesellschaft

Die Katholikentage stehen somit mitten im politisch-gesellschaftlichen Leben. Nicht ohne Grund wird unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel wie immer zum Katholikentag kommen. Auch andere Kabinettsmitglieder werden anwesend sein, ich nenne hier nur unseren Bundesentwicklungsminister Gerd Müller oder die Bundesumweltministerin Barbara Hendricks. Und wenn ich mir das Programm des Katholikentages anschaue, dann sehe ich: Als neues Mitglied im Deutschen Bundestag bin ich nicht alleine, viele Kolleginnen und Kollegen werden ebenfalls in Regensburg anwesend sein. Warum? Weil natürlich auch die christliche Politik nur lebendig bleiben kann, wenn wir die Tradition der offenen Aussprache, die Lust an der regen Diskussion pflegen. Dies geschieht im Plenarsaal des Deutschen Bundestages, in den zahlreichen Ausschüssen und Arbeitsgruppen, aber dies muss auch auf den Straßen geschehen, mit den Menschen, von Angesicht zu Angesicht. Hier stelle ich mich als Politikerin zur Rede, hier erkläre ich die eigene Arbeit und lasse mich an den christlichen Maßstäben messen. Als Christin ist Politik nie Privatsache, sondern ein öffentlicher Auftrag, indem ich für die Gesellschaft Verantwortung übernehme.

Und so stelle ich die Gegenfrage: Wie wäre unsere Gesellschaft ohne den Katholikentag, einen so wichtigen Ort des Dialogs? Daher lade ich Sie als Vizepräsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und somit als Mitveranstalterin herzlich nach Regensburg ein. Kommen wir gemeinsam ins Gespräch. Ich freue mich darauf!

Weitere Informationen zum Katholikentag in Regensburg finden Sie hier: www.katholikentag.de

 

Zur Autorin: Dr. Claudia Lücking-Michel MdB 1962 geboren in Dortmund; ab 1982 Studium der Kath. Theologie und Geschichte in Münster, Jerusalem und Tübingen; 1992 Promotion in Theologie. 1991–1997 Referentin im Cusanuswerk (Begabtenförderung der katholischen Kirche), Bonn; 1997–2004 Abteilungs­leiterin bei Misereor (Hilfswerk für Entwicklungszusammenarbeit), Aachen; 2004–2013 General­sekretärin des Cusanuswerks; seit 2013 Mitglied des 18. Deutschen Bundestags. Ehrenamtliches Engagement (in Auszügen): Katholischer Deutscher Frauenbund (KDFB), Köln: Vorsitzende des Stiftungs­kuratoriums, Vizepräsidentin des Frauenbundes 1999–2008 Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), Bonn: Vize­präsidentin seit 2005 Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe e.V. (AGEH), Köln: Vorstandsvorsitzende seit 2012.

Kompass Mai 2014

Kompass_05.pdf

In diesem Jahr liegt der Monat Mai genau zwischen Ostern und Pfingsten, also in der Mitte der Osterzeit. So kann aktuell auf die Osternacht in Afghanistan und eine Taufe auf der „Gorch Fock“ geschaut werden. Die Reportage und die Kolumne des Wehrbeauftragten widmen sich der Einsatzbelastung von Bundeswehr-Soldaten. Außerdem wird von Gesprächen und Veranstaltungen mit Militärbischof Overbeck berichtet, von gelungenen Familienwochenenden und Gottesdiensten. Aktuelle Medientipps, das beliebte Preisrätsel und der Blick voraus auf Mutter- und Vatertag vervollständigen den Themenreigen.

1.6 M