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Der eine hilft dem anderen

von Reinhold Robbe

Einer meiner letzten Truppenbesuche führte mich nach Bruchsal. An diesem Standort, etwa eine Autostunde von Stuttgart entfernt, befindet sich auch eine Ausbildungskompanie. Hier hatte ich die Möglichkeit, Wehrpflichtige und ihre Ausbilder während einer Übung zu erleben.

Ein hochgewachsener Rekrut steht mir gegenüber und schaut mich etwas ungläubig an. Gemeinsam mit etwa einem Dutzend Kameraden hat er um mich herum einen Halbkreis gebildet. Vor rund vier Wochen sind die jungen Männer in die General-Dr.-Speidel-Kaserne in Bruchsal einberufen worden. Sie leisten hier ihren Wehrdienst ab. Viele wollen länger als neun Monate bei der Bundeswehr bleiben. Einige haben auch den Wunsch, Berufssoldat zu werden.

Gerade gestern, so berichtet mir dieser Rekrut - mit noch immer ungläubigem Blick - sei ihm und seinen Kameraden im Politischen Unterricht erläutert worden, dass der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages seine Truppenbesuche fast ausschließlich unangemeldet mache. Es könne also durchaus sein, so der Ausbilder, dass der Herr Robbe ganz plötzlich und "ohne Vorwarnung in der Kaserne aufschlägt". Der Rekrut zu mir: "Und gerade mal einen Tag später sind Sie hier bei uns, hier in Bruchsal - das ist ja kaum zu glauben!" Meinem Hinweis, es würde sich wirklich um einen reinen Zufall handeln, schenkte er nur etwas widerwillig Glauben.

Dennoch, das Eis war gebrochen, wie es so schön heißt. Die Rekruten erzählten mir von ihren ersten "Gehversuchen" seit dem Tag der Einberufung. Alles in allem hörte ich recht positive Erfahrungen. Meine Fragen beantworteten die jungen Männer offenherzig. Mit den Rahmenbedingungen seien sie größtenteils zufrieden. Auch wenn die Stuben dringend renoviert werden müssten und das Essen nicht immer "wie bei Muttern schmeckt". Auch gegen etwas mehr Geld in der Lohntüte hätte keiner von ihnen etwas einzuwenden … Trotzdem, die meisten haben es sich "beim Bund" genau so vorgestellt.

Ich frage in die Runde, was die Rekruten in den ersten Wochen ihrer Allgemeinen Grundausbildung als besonders positiv empfanden. Die Kameradschaft sei eine ganz wesentliche Erfahrung, die ihnen unglaublich viel gebe, versichern sie mir. Sich gegenseitig stützen, der eine hilft dem anderen. Aber vor allem, sich auf seine Kameraden verlassen zu können. Insbesondere dann, wenn es schwierig wird. Doch die besten "Noten" bekommen die Ausbilder. Ein Rekrut: "Die verlangen von uns nichts, was sie nicht auch selber zu tun bereit wären!" Also so etwas wie "positive Autoritäten im besten Sinne des Wortes?", frage ich. Alle in der Runde nicken zustimmend.

Auf der Heimreise nach Berlin gehen mir angesichts der positiven Eindrücke aus Bruchsal alle möglichen Gedanken durch den Kopf. Ich erinnere mich beispielsweise an eine Begegnung mit dem Menschrechtsbeauftragten der Russischen Föderation. Dieser hatte mir in einem Gespräch jene schrecklichen Berichte über Vorfälle bestätigt, nach denen Rekruten der russischen Armee von dienstälteren Vorgesetzten auf furchtbarste Weise misshandelt und sogar in den Tod getrieben worden waren. Die Zahl der durch Selbstmord, Misshandlungen und ähnliche Ursachen ums Leben kommenden Soldaten der russischen Armee soll sich - nach Angaben der Vereinigung der Soldatenmütter - zwischen zwei und drei Tausend bewegen. Jedes Jahr. Bis zum heutigen Tag.