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Labor Service-Seelsorge

Vorläufer der Militärseelsorge in der deutschen Bundeswehr

Im Juni 1951 begann die Seelsorge bei den zivilen Labor Service-Einheiten. Dies waren kasernierte deutsche Arbeitseinheiten bei den US-amerikanischen Streitkräften in Deutschland. Die Labor Service-Seelsorge wurde damit zum Erprobungsfeld für die spätere Militärseelsorge, wie sie seit 1956 in der Bundeswehr wirksam geworden ist. Die Labor Service-Einheiten entstanden nach dem Kriegsende 1945 vor allem, weil eine große Zahl von Armee-Einrichtungen (für die Zwecke der Besatzungstruppen beschlagnahmt) bewacht werden mussten. Die aufgestellten Wachmannschaften (fremdländische Einheiten, insbesondere „displaced persons“ aus Polen und dem Baltikum) wurden als Industrial Police (IP) bezeichnet. 1948 erfolgte eine Zusammenfassung aller IP-Einheiten, die man geschlossen in den Labor Service überführte. Mitte August 1948 erfolgte die Einrichtung des deutschen Labor Service. Um die sowjetische Blockade in Berlin abzuwehren, richtete die US-Air-Force „the Berlin Airlift“ ein. Zunächst für die Dauer der Luftbrücke wurden in Fulda zwei deutsche Labor Service-Einheiten aufgestellt – zur Unterstützung der fremdländischen Einheiten. Sie mussten die Flugzeuge in zwölfstündigen Schichten innerhalb kürzester Zeit (4-6 Minuten) nicht nur mit Lebensmitteln, sondern auch mit Kohlen beladen. Da sich die deutschen Einheiten bewährten, entstanden bald sechs weitere Einheiten.
Ab Oktober 1949 wandelte man diese acht deutschen Labor Service-Einheiten in technische Einheiten um. Gleichzeitig wurden Möglichkeiten zur Aus- und Fortbildung und für eine anspruchsvolle Freizeitgestaltung ausgebaut. 1950 erhielt der „President of the U. S. Army Chaplain Board“, der lutherische Chaplain Arthur C. Piepkorn den Auftrag, innerhalb von 90 Tagen in der amerikanischen Besatzungszone in Deutschland die Voraussetzungen für die Einrichtung einer geordneten Labor Service- Seelsorge zu schaffen, „um die geistliche und moralische Wohlfahrt der deutschen Zivilisten im Army Labor Service zu sichern und zu fördern“. Chaplain Piepkorn konzentrierte sich auf die schwierigen Verhandlungen mit den evangelischen Landeskirchen. Zur Information der katholische Kirche bat er den seit 1946 als Apostolischen Visitator und Leiter der Päpstlichen Mission für die Flüchtlinge in Deutschland tätigen US-amerikanischen Bischof von Fargo, Aloysius Muench, um Unterstützung. Muench war zugleich Armeebischof der US-Streitkräfte in Deutschland und seit Oktober 1950 Apostolischer Nuntius in der Bundesrepublik Deutschland.
Die eigentlichen Verhandlungen mit den einzelnen Bischöfen im Bereich der USamerikanischen Besatzungszone führte jedoch der katholische Chaplain Albert Knier, der im Oktober 1950 auch Georg Werthmann, den ehemaligen Feldgeneralvikar der Wehrmacht, in seinem Kronacher Pfarrhaus besuchte. Georg Werthmann, seit 1946 Stadtpfarrer und Dechant in Kronach, wurde am 1. Mai 1951 von seinem Ortsordinarius, Erzbischof Joseph O. Kolb in Bamberg, für die Labor Service-Seelsorge freigestellt. Seit Ende desselben Monats war er im Heidelberger Hauptquartier der U. S. Army Europe (USAREUR) als Senior Chaplain mit dem Aufbau und der Organisation der Seelsorge bei den deutschen zivilen Arbeitseinheiten für die USamerikanischen Streitkräfte in Deutschland befasst. Für den organisatorischen Aufbau der Seelsorge kamen ihm seine (Leitungs-)Erfahrungen aus der Wehrmachtseelsorge (1935-1945) zugute.
Seit dem 8. Oktober 1951 war auch für die evangelische Seelsorge beim Labor Service der Posten des Senior Chaplain besetzt – mit Pastor Hermann Pleus von der oldenburgischen Landeskirche. Im Gegensatz zur katholischen Seelsorge wechselte der Senior Chaplain auf evangelischer Seite jeweils nach Jahresfrist. Im August 1951 bat die Fuldaer Bischofskonferenz Kardinal Michael Faulhaber von München, das Protektorat über die katholische Labor Service-Seelsorge zu übernehmen. Nach seinem Tod im Juni 1952 übernahm sein Nachfolger Kardinal Joseph Wendel dieses Amt. In regelmäßigen Abständen ließ er sich vom Senior Chaplain über die Labor Service-Seelsorge berichten. Bis Ende des Jahres 1951 konnte die katholische Seelsorge die zur Verfügung stehenden zehn Chaplain-Stellen besetzen. Werthmann konnte dafür auch auf seine geretteten Personalakten der Wehrmachtseelsorge zurückgreifen. Die deutschen Geistlichen wurden als Labor Service-Chaplains von den Amerikanern angestellt. Die Finanzierung der Seelsorge erfolgte durch die amerikanischen Streitkräfte. (Die beiden Senior Chaplains erhalten als Bruttogehalt 700 DM, die Chaplains 600 DM, besonderes Geschäftszimmer, plus Verpflegung, Bekleidung und Unterbringung der Geistlichen, Beweglichmachung).
Die Chaplains waren aber nicht Mitglieder der Armee, sondern behielten ihren zivilen Status. Von ihren Kirchenbehörden wurden sie für die Seelsorge des Labor Service beurlaubt. Seitens der Amerikanischen Militärbehörde war vorab betont worden, dass die Geistlichen nicht für politisch-propagandistische oder militärische Zwecke eingespannt würden. Ihre Aufgabe war umschrieben mit der Feier öffentlicher Gottesdienste, der persönlichen seelsorgerlichen Betreuung und der religiösen Unterweisung gemäß ihrer Konfession und der je eigenen Gewissensüberzeugung, Beratung des deutschen „Central und Area- Commanders“ und seines Stabes in religiösen und moralischen Angelegenheiten, Vorträgen im Zusammenhang der „Character Guidance“. Aus letzterem entwickelte sich der Unterricht in Lebenskunde als organischer Teil des gesamten Ausbildungsprogramms. Die Notwendigkeit, eigene Labor Service-Chaplains zu berufen, resultierte auch aus der Erfahrung, dass die den Kasernen der Arbeitseinheiten benachbarten Ortspfarrer keinerlei Initiativen zur Seelsorge beim Labor Service Personal entwickelten.
Die Labor Service Chaplains standen im engen Kontakt mit den Angehörigen der Einheiten. Sie waren mit ihren Lebensgewohnheiten in den Kasernen, mit ihren internen Problemen und Möglichkeiten vertraut. Zudem nahmen sie eine besondere Stellung ein. Obwohl sie in einer Ordnung von Vorgesetzten und Untergebenen lebten, waren sie selbst weder Vorgesetzter noch Untergebener. Vielmehr fungierten sie für alle als Mittler, vor allem zwischen Offizier und dem einzelnen Arbeitsmann. Als einzige Personen im Labor Service waren die Chaplains nicht an die üblichen Dienstwege gebunden. Aus den monatlichen Berichten („monthly situation report“) der Chaplains gehen auch die anfänglichen Schwierigkeiten bei der Mobilität der Geistlichen hervor. Werthmann aber gelang es Abhilfe zu schaffen. Er trat in Verbindung mit dem ihm bekannten Oblatenpater Paul Schulte OMI. „Der fliegende Pater“ gründete 1927 die Missions-Verkehrs Arbeitsgemeinschaft (MIVA) und wurde 1949 Präsident der Diaspora-Miva. Er ermöglichte, dass jedem katholischen Geistlichen der deutschen Labor Service-Seelsorge ein werksüberholter Volkswagen zur Verfügung gestellt wurde. Der Labor Service und damit die Seelsorge stand in der deutschen Öffentlichkeit unter dem Verdacht, hier unterschwellig einen „Vorgriff auf einen deutschen Wehrbeitrag“ zu unternehmen.
Deshalb wurden die Labor Service-Männer u. a. auch als „Adenauer-Partisanen“ tituliert.
Aus amerikanischer Perspektive hingegen genossen sie wegen ihrer zuverlässigen und
gediegenen Arbeit hohes Ansehen und haben nach dem Kriege einen nicht
unwesentlichen Beitrag zur Völkerverständigung zwischen Amerikanern und Deutschen
geleistet. Gerade für die Seelsorge galt zudem von Anfang an die Devise, dass die frühere Form der Wehrmachtseelsorge nicht als Vorbild dienen konnte und sollte. Zunächst orientiert an der amerikanischen Militärseelsorge, entwickelten die beiden Kirchen eine neue Form kirchlicher Arbeit. „Dabei taten sich anfangs die einzelnen Landeskirchen und der Rat der EKID sehr schwer, sich für die Labor Service-Seelsorge zu erwärmen, während die kath. Kirche von Anfang an die große Chance für die Kirche sah und in der profilierten Gestalt des Prälaten Werthmann auch eine geeignete Persönlichkeit für den deutschen Verbindungsstab in Heidelberg herausstellte“. (Zitat aus dem Bericht “Pfarrer in der Drecklinie!“ eines evangelischen Pfarrers, ohne Namensnennung, o. D. [1953])
Nach drei Jahren Wirksamkeit der Labor Service- Seelsorge zog ihr Senior Chaplain Werthmann eine positive Bilanz der Arbeit. Sie sei „die einzige Form der Seelsorge an kasernierten Einheiten, die als geordnet, ausgebaut und nach einem Leitbild geschaffen bezeichnet werden kann. Ihre wegweisende Bedeutung für eine eventuelle künftige Militärseelsorge kann nicht bestritten werden. Sie ist vor allem in folgenden Einzelheiten gegeben:
1. In der Character Guidance Lecture, die als Chaplain’s Hour dem Geistlichen obliegt.
2. In der Tatsache, dass die LS Seelsorge nicht von aussen her an die Einheiten der LS
herangetragen wird, sondern in diesen Einheiten verankert ist.
3. In dem Vorhandensein besonderer LS Chaplain-Regulations.
4. In der für die LS Seelsorge geschaffenen zahlenmäßigen Grundlage (je ein Chaplain für tausend Angehörige der jeweiligen Konfession).“ In der ersten Jahreshälfte 1955
deutete sich an, dass im Rahmen des personellen Abbaus bei den Labor Service-Einheiten auch die Labor Service-Seelsorge durch die US-Army eingestellt werden sollte. Artikel 45a der Bonner Verträge von 1955 legte schließlich fest, dass die aus Deutschen zusammengesetzten Labor Service-Einheiten bis zum 5. Mai 1957 aufzulösen seien. Im Juli 1956 begannen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der US-Botschaft Verhandlungen. Sie führten schließlich zu einem Abkommen, das den Fortbestand der Einheiten unter anderem Namen, aber ohne Änderung ihrer Aufgaben garantierte. Die Labor Service-Seelsorge hatte jedoch bereits seit 1955 ihren Senior Chaplain verloren, der mittlerweile immer stärker in die Planungen der Militärseelsorge in der Bundeswehr eingebunden war und seit Februar 1956 als Generalvikar des ersten Katholischen Militärbischofs wirkte.

Text: Dr. Monica Sinderhauf
Zitate aus Unterlagen des Senior Chaplain für die LS Seelsorge im Bestand AKMB, AWV 6